Robert Gerwarth zeigt die Konflikte nach dem 1. Weltkrieg: Die Besiegten.

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Der deutsch-irische Historiker Robert Gerwarth

Offiziell schwiegen am 11. November 1918 alle Waffen. Praktisch ging das Töten nach dem Ersten Weltkrieg weiter, um in einen noch schrecklicheren Krieg zu münden. Der deutsch-irische Historiker Robert Gerwarth zeigt in seiner Geschichte der Zwischenkriegszeit, wie gerade die militärisch Unterlegenen sich einem dauerhaften Frieden verweigerten.

Gerwarth lehrt Geschichte in Dublin und ist Gründungsdirektor des dortigen Zentrums für Kriegsstudien. Der gebürtige Berliner war zuvor durch eine Studie über den Bismarck-Mythos (2005) und eine Biographie des NS-Verbrechers Reinhard Heydrich (2011) in Erscheinung getreten. Mit den „Besiegten“ rückt er die Folgen des Ersten Weltkriegs vor allem in Ost- und Südosteuropa in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Während an der Westfront im November 1918 die Waffen schwiegen und die deutsche Armee sich aus Frankreich und Belgien zurückzog, ging das Töten praktisch überall weiter. In Russland tobte ein Bürgerkrieg zwischen den roten Revolutionären und den weißen Konterrevolutionären, in dem auch die Entente mitmischte. Die Sowjets führten Krieg gegen die Polen, die wiederum gegen die Ukrainer. Die Griechen griffen die Türken an, in Italien und Deutschland herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände.

Auffällig ist in Gerwarths Darstellung das enorme Maß an Gewalt, das alle Konfliktparteien zeigten. Der Autor hat zahlreiche Beispiele für furchterregende Massaker an der Zivilbevölkerung. Eine radikale Abkehr von der Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten, die zuvor europäischer Standard war, nennt Gerwarth ein Kennzeichen der Epoche.

Der Feind wurde kriminalisiert, die Nation zur kämpfenden Schicksalsgemeinschaft erhoben. Die Gewalterfahrungen des Kriegs hält Gewarth in Abkehr von traditionellen Erklärungsmustern nicht für die Ursache des Nachkriegshorrors. Frontsoldaten wurden nicht selten Pazifisten. Hier geht es eher um das Gefühl der Demütigung und die Angst vor der Zukunft: In den deutschen Freikorps, die zuerst im Baltikum und dann auch im Reich wüteten, kämpften nicht zuletzt junge Männer, die keine Fronterfahrung hatten und sich durch den Frieden um diese gebracht fühlten.

Gefühle waren Gerwarth zufolge auch für die radikale Ablehnung des Versailler Friedensvertrages durch eine breite Mehrheit der Deutschen verantwortlich: Der Kriegsschuldparagraph, der eigentlich nur eine juristische Klausel zur Absicherung der Reparationen sein sollte, wurde als demütigend empfunden. Die Reparationen selbst seien von deutscher Seite durchaus als tragbar eingestuft worden – allerdings nur hinter vorgehaltener Hand.

Enttäuscht waren nach dem Krieg praktisch alle: Im Westen war man nach all den Opfern des Stellungskrieges innenpolitisch nicht in der Lage, den Deutschen entgegenzukommen. Im Süden fühlten sich die Siegerstaaten Italien und Griechenland um die Früchte ihrer Anstrengungen gebracht. Und die Japaner, die auf Seiten der Entente gekämpft hatten, erkannten Gerwarth zufolge klar, dass ihre Ansprüche von den Europäern aus rassischen Motiven hintenangestellt wurden.

Die Explosion der Gewalt im Osten befeuerte die Ängste im Westen. Zwar taten sich Rote und Weiße in Sachen Mord, Raub, Vertreibung und Vergewaltigung nichts, doch in Mittel- und Westeuropa kamen über bürgerliche Flüchtlinge nur die Horrorgeschichten über Exzesse der Sowjets an. Radikale Nationalisten, Faschisten und Nationalsozialisten sollten davon profitieren.

Robert Gerwath: Die Besiegten. Das blutige Ende des Ersten Weltkriegs. Siedler, München. 480 S., 29,99 Euro.

Quelle: wa.de

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