„Richtfest“ - Uraufführung am Bochumer Schauspielhaus

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Blick aufs Laptop: Die Baugemeinschaft betrachtet eine Vision und ist (noch) geeint am Bochumer Schauspielhaus.

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Ein Heim, aber nicht allein. Diese Sehnsucht, die viele Menschen in der Stadt umtreibt, stiftet den Dramatiker Lutz Hübner zu einer nicht ganz unerwarteten Dramödie an.

Er hat fürs Schauspielhaus Bochum ein neues Stück geschrieben, das uns elf Menschen vorstellt, die irgendwie jeder kennt. Alle tun den ersten Schritt gemeinsam, als sie auf die Bühne der Bochumer Kammerspiele treten: Sie wollen den Baukredit beantragen. Intendant Anselm Weber führt Regie bei der Uraufführung von „Richtfest“.

Es wird bald spürbar, dass der Titel wohl ein Luftschloss meint, so verschieden sind die Charaktere. Letztlich richtet sich die Baugemeinschaft selbst, bevor ein Zimmermann auf den Dachstuhl steigen kann. Der Dramatiker Lutz Hübner ist für seine lebensnahen Themen bekannt. Gern deckt er das eigensinnige Selbstverständnis von Individuen auf, ohne sie moralisch zu verurteilen. So ist auch „Richtfest“ aus der Mitte des Lebens geschrieben und ein Lehrstück zur Illusion vom Gemeinwohl.

Regisseur Weber schickt Hübners Figuren in ein Niemandsland, so leer ist die Bühne. Von drei Seiten sind Papierwände gespannt, die Projektionsflächen für Grundrisse und andere Wünsche werden (Einrichtung: Alex Harb). Das Ensemble nimmt in der ersten Reihe Platz, steigt Bild für Bild auf die Bretter und fremdelt anfangs mit den Rollenfiguren so spürbar, wie sich Leute nun mal schwer tun, wenn plötzlich ihr Gemeinsinn gefragt ist. Aber alle wollen sich von der besten Seite zeigen. Bernd Rademacher spielt den großherzigen Soziologieprof im Cordanzug, der immer ans Geld seiner Frau denken muss. Anke Zillich ist Vera im Hosenanzug, die PR-Frau mit dem Moderatoren-Gen und dem Sinn für Stil. Den neckischen Frohsinn bringen zwei schwule Musiker mit, die lange gespart haben und gern Umarmen. Henriette Thimig lässt die Ex-Kneipenmutti Charlotte mal herzensgut daher hüpfen, mal besorgt auf Distanz gehen. Ihren Familienstress bringen Birgit und Holger mit. Katharina Linder ist die Mutter aller Sozialdienste und ruft zur inneren Ordnung auf. Während ihr Finanzbeamter ganz locker rüberkommen will, aber an sozialer Kompetenz über einen „Männerabend“ nicht hinauskommt. Michael Schütz spielt den offenporigen Kleingeist. Das junge Paar der Runde wird mit ihrem Alarmzeichen – zweites Kind! – der Gemeinschaft auf den Zahn fühlen. Wer gibt ein Darlehen von 30 000 Euro? Christian, Assistenzarzt (Marco Massafra), kalkuliert mit Eigentum und überschätzt die Toleranz seiner Frau (Kristina-Maria Peters), die ja noch ihr Referendariat abschließen will. Es wird laut.

Architekt Philipp lässt erst spät raus, was ihm jeder gleich ansieht. Ihm ist nur sein transparenter Bautraum wichtig, eine tragende Wand mit Glas. Aber das Räume eben nicht den Menschen bestimmen, verpuffte schon als Bauhaus-Ideal. Felix Rech mimt den arroganten Yuppie, der kurzzeitig mit der krass pubertierenden Judith (Zenzi Huber) anbändelt. Als Cellist Michael (Henrik Schubert) und Frank (Roland Riebeling) entdecken, dass Charlotte ein Messie ist, gerät das Projekt in Gefahr. Charlottes Schlaganfall stellt dann alle auf die Probe – Pflege-WG? Es wird sarkastisch.

In Bochum trägt ein sehr gutes Ensemble die amüsante Konfliktführung. Schrittweise offenbar sich tragikomisch, dass die gute Absicht des Menschen nicht reicht, von seinen Partikularinteressen zu lassen. Regisseur Weber führt genüsslich Typen vor, ohne die Handlung im Klischee zu versenken. Man wird von dieser Baugemeinschaft angezogen und ein bisschen mitgerissen auf dem Weg zum Wohnglück. Aber je klarer jedes Menschenprofil geschnitten wird, umso deutlicher zeigt sich die Unmöglichkeit des ganzen Vorhabens.

Als die Papierwände eingerissen werden, markiert Architekt Philipp den pikierten Denker. Alle kriechen unter die weißen Wände, suchen Schutz vor Wasser, Schnee und Wind, wie einst die ersten, die Häuser bauten. Das wirkt am Ende naiv wie theatralisch, und zeigt, dass die offene Bau-Beziehung heutzutage weit weg ist von der Existenzfurcht der ersten Häuslebauer unserer Zivilisation.

Das Stück

Amüsant, hellsichtig und ein wenig vorhersehbar.

Richtfestvon Lutz Hübner an den Kammerspielen Bochum. 14., 17., 26. Dezember; 6., 13., 23. Januar. Tel. 0234 / 3333 5555; www.

schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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