Richard Dawkins über sein Buch „Die Schöpfungslüge“

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Richard Dawkins ▪

MÜLHEIM ▪ Es ist schwer, als Naturwissenschaftler richtig populär zu werden. Der britische Evolutionsforscher Richard Dawkins hat es geschafft. Zum einen als jemand, der unermüdlich das Wissen über die Evolution verbreitet. Zum anderen als scharfer Religionskritiker. In seinem neuen Buch „Die Schöpfungslüge“ bringt er beide Themen zusammen. Über Religion, Evolution und die Schönheit der Natur sprach er mit Ralf Stiftel.

Herr Dawkins, Sie haben ein Buch geschrieben, um die Wahrheit der Evolution zu beweisen. Muss jemand so ein Buch schreiben?

Dawkins: Ich würde lieber nicht sagen, dass es notwendig ist. Man braucht keine Entschuldigung für ein Buch über ein so aufregendes Thema. Lesen Sie es einfach! Sie werden es lieben, hoffe ich. Einige Menschen sagen vielleicht, dass es notwendig sei, weil in den USA glauben mehr als 40 Prozent der Bevölkerung, dass die Welt, das ganze Universum, ist jünger als 10 000 Jahre, was wirklich ein spektakulärer Irrtum ist. In dieser Hinsicht passt der Begriff „notwendig“.

Sie wenden sich darin gegen den Kreationismus, also gegen Vorstellungen, das Leben sei, wie etwa in der Bibel beschrieben, von Gott geschaffen. Meinen Sie, dass Ihr Buch einen Kreationisten überzeugt?

Dawkins: Nicht unbedingt, nicht in jedem Fall. Es wird einige geben, die sehr gläubig sind, die man nicht von etwas überzeugen kann, das nicht in ihrem Heiligen Buch steht. Aber es gibt eine enorme Zahl von Menschen, die keine Kreationisten sind, aber glauben, es zu sein, weil sie noch nicht darüber nachgedacht haben. Sie sind bereit, zuzuhören.

Die Diskussion zwischen Ihnen und den Kreationisten erinnert mich an einen geistigen Krieg.

Dawkins: Ich glaube, es ist eine Art von Krieg in Amerika, und ich glaube, dass es zum Teil politisch ist, anders als in Europa. Man kann es eine Art Paranoia nennen, eine anti-intellektuelle Bewegung, es kommt von einem Teil des Landes, von der Sorte Leute, die George Bush wählten. Sie haben eine Abneigung gegenüber Intellektuellen.

Sie beruhigen die Gemüter auch nicht gerade, sondern beziehen Stellung.

Dawkins: Ich habe schon früher gesagt, dass jeder, der die Welt für jünger als 10 000 Jahre hält, entweder unwissend, dumm oder verrückt ist. Dazu stehe ich. Aber die große Mehrheit dieser Leute ist einfach unwissend. Das ist kein Verbrechen. Sie müssen einfach das Buch lesen.

Ist Religion gefährlich?

Dawkins: Das hat nichts mit dem aktuellen Buch zu tun. Aber ja, ich glaube das. Weil Glauben, also Überzeugung ohne Beweise, gefährlich unerschütterlich ist. Überzeugung mit Beweisen ist veränderbar. Man kann jemanden überzeugen, dass er irrt, indem man ihm neue Beweise und Tatsachen zeigt. Das ist die Eichmarke für jeden Naturwissenschaftler. Er ist bereit, sich überzeugen zu lassen, wenn Beweise vorliegen.

Ihre Gegner nennen Sie einen atheistischen Hassprediger. Sind Sie militant?

Dawkins: Ich bin militant in der Sache der Wahrheit. Aber ich unterstreiche lieber die positiven Aspekte des Buchs. Ich bin etwas unglücklich darüber, dass der deutsche Titel des Buchs, „Die Schöpfungslüge“, die negativen Aspekte herausstreicht. In Englisch heißt es „The greatest Show on Earth“. Ich würde es lieber als positives Buch sehen, das von der Schönheit des Lebens handelt und der Erklärung davon, wie wir es heute verstehen.

Am Ende Ihres Buches zitieren Sie Darwin, der über die Schönheit der Evolution spricht. Finden Sie die Natur schön?

Dawkins: Ja. Zumindest die Endprodukte sind schön. Leben ist schön. Es gibt darin ebenfalls Grausamkeit. Darwin selbst hat schon festgestellt, dass Grausamkeit in dem Prozess steckt, der zur Schönheit führt. Die Schönheit eines rennenden Geparden ist erkauft mit den Leben früherer Generationen von Beutetieren. Schrecklich, aber so perfektionierten sie Generationen von Geparden als Tötungsmaschinen. Darum gibt es sowohl Schönheit als auch Grausamkeit, und Darwin erkannte beides.

Was bedeutet Ihnen die ästhetische Seite der Evolution?

Dawkins: Ich sehe ästhetische Schönheit in vielen Lebewesen, in Bäumen, in Geparden, in Antilopen, in Pantoffeltierchen, wenn man sie unter dem Mikroskop betrachtet. Und es ist auch große Schönheit im Reichtum unserer Erkenntnis, wir können verstehen, wo all das herkommt, und das hat seine eigene Schönheit in sich.

Es verändert uns...

Dawkins: Ja, und es ist viel schöner als der Zustand davor, als die Menschen im abergläubischen Irrtum verhaftet waren und glaubten, dass das alles von einer Intelligenz geschaffen sein müsse.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Dawkins: Man könnte beinahe alles nennen. Der Redwood Baum in Kalifornien, die größten Lebewesen, die es je gab. Wenn man durch den Wald dort geht, ist es, als wäre man in einer verschatteten Kathedrale. Dann denkt man nach, warum es so dunkel ist. Die Bäume sind so hoch, weil sie in einem Wettrüsten versuchen, die Sonne zu erreichen, und sie müssen so hoch sein, weil ihre Nachbarn es auch sind und sie sonst nicht zur Sonne kämen. Darum ist es dunkel wie in einer Kathedrale. Der größte Teil der Photonen wurde schon von den Bäumen aufgefangen, bevor sie den Boden erreichten, wo Sie gehen. Man kann von der Natur zu wundervollen Gedanken inspiriert werden.

Sie sprechen hier in Mülheim in einer Reihe der Kulturhauptstadt zur Aufklärung. Inwieweit sehen Sie sich als Aufklärer?

Dawkins: Ich glaube an Rationalismus, an Skeptizismus, an beweisgestütztes Denken. Ich glaube, man sollte das Leben so gut leben, wie man kann, weil es das einzige ist, das man bekommt. Ich bin gegen Aberglauben, auch gegen Homöopathie und pseudo-wissenschaftliche, abergläubische Bestrebungen. Wir können heute praktisch alle Probleme verstehen. Es ist ein großes Privileg, in dieser Zeit zu leben.

Richard Dawkins, geboren 1941 in Nairobi, wurde 1976 mit seinem Buch „Das egoistische Gen“ bekannt. Der Oxford-Professor wurde mit Publikationen zur Evolutionstheorie wie „Der blinde Uhrmacher“ (1987) und „Gipfel des Unwahrscheinlichen“ (1996) populär. Außerdem schrieb er kritische Bücher über die Religion wie „Der Gotteswahn“ (2006) und wirbt für eine atheistische, humanistische Weltanschauung

„Die Schöpfungslüge“ lautet provokant der deutsche Titel von Richard Dawkins‘ neuem Buch. Tatsächlich feiert es die „größte Schau der Welt“, so der englische Originaltitel. Dawkins erläutert darin sehr lesbar, warum die Evolution mehr ist als „nur“ eine Theorie. Er zeigt Beispiele, wie man heute Evolution bei der Arbeit beobachten kann, zum Beispiel bei Guppys, von überzeugenden Evolutionsexperimenten mit Bakterien und von der molekularen Uhr in unseren Genen. Er zeigt auch, dass es im Aufbau von Lebewesen „Pfusch“ gibt, der unmöglich von einem „intelligenten Designer“ stammen kann, wie der Kehlkopfnerv, der bei Säugetieren einen „Umweg“ nimmt, weil er sich aus einem Kiemennerv unserer fischähnlichen Vorfahren entwickelte. Er zeigt, dass man auch ohne Religion staunen kann über das Wunderbare an der Evolution. ▪ sti

Richard Dawkins: Die Schöpfungslüge. Warum Darwin recht hat. Deutsch von Sebastian Vogel. Ullstein Verlag, Berlin. 528 S., 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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