Reto Fingers Märchenaktualisierung „Hans im Glück“ in Bochum

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Bildstarkes Spiel mit Märchen: Szene aus „Hans im Glück“ in Bochum mit Matthias Eberle, Jana Lissovskaia, Florian Lange und Bernd Rademacher (von links)

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Wild wirbelt Florian Lange über die Bühne. Er hat sich ein Pferdekostüm umgehängt, mit Tierkopf vorn und Zügeln und weitem Stoff drumrum, so dass Reiter und Ross gleichsam verschmilzen. Aber Lange führt das Pferd in dieser tänzerischen Performance wie eine Puppe, lässt es eigenwillige Bewegungen gegen seinen „Herrn“ ausführen. Ganz ohne Worte zeigt er damit, dass Hans kein gutes Geschäft machte, als er den schweren Goldklumpen hergab für die Aussicht auf leichtfüßigen Transport im Sattel.

Das Grimm’sche Märchen „Hans im Glück“ gehört zu den seltsamsten. Da steht der Titelheld am Ende, nach vielen Tauschvorgängen, von denen jeder für ihn materiell nachteilig war, mit leeren Händen da. Und ist glücklich. Der Schweizer Autor Reto Finger hat den Stoff zu einem Drama verarbeitet, eine Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Bochum. Barbara Bürk inszenierte die Uraufführung als eine Art Gesamtkunstwerk aus Tanz, Musik, Masken und Text.

Klavier und Schlagzeug stehen auf der Bühne. Der Pianist Markus Reschtnefki und der Percussionist Manuel Loos musizieren nicht nur, sondern spielen mit, sprechen Text. Manchmal unterlegt zum Beispiel Loos Sätze der Schauspieler mit Marimba-Linien, als wäre dies eine Sprechoper. Diese phantasievolle Verbindung ganz unterschiedlicher Bühnenmittel gibt dem etwas über anderthalbstündigen Abend Tempo und Dynamik. Es gibt immer etwas zu erleben.

Das braucht Fingers Text auch. Seine Aktualisierung überzeugt nicht durchgängig. Zwischen die einzelnen Tauschszenen des Märchens montiert er die moderne Version. „Homo Hans“ ist ein Angestellter, der kündigt, um sich selbstständig zu machen. Mit einem Freund hat er eine App entwickelt, die Berufspendlern den Weg zum Arbeitsplatz erleichtern soll. Auch er verliert dauernd, scheitert bei der Suche nach einem Geldgeber und bekommt Probleme in der Familie. Der Druck äußert sich in Krankheit: Hans „fließt aus“, verliert ständig Wasser, so dass sich um ihn Pfützen bilden, wenn er einmal still steht. Aber zum einen ist der knappe Märchentext nicht abendfüllend. Und die Parallele krankt daran, dass der moderne Hans – im Unterschied zum Grimm-Helden – nicht freiwillig tauscht, sondern scheitert und erleidet. „Homo Hans“ beginnt schon ohne Gold oder etwas Vergleichbares.

Das aber gleicht die turbulente Inszenierung wieder aus. Die famosen Schauspieler schlüpfen in verschiedenste Rollen. Bernd Rademacher zum Beispiel ist eine herrlich matronenhafte Lehrerin, abgebrühter Banker, wehleidiger Kranker. Matthias Eberle gibt Hans’ aufgekratzten Partner, der schon mal eine Produktpräsentation auf die Melodie von „My Way“ singt, und ein fistelndes Schwein. Minna Wündrich spielt Hans’ warmherzige und liebebedürftige Frau und tänzelt ballettreif als Gans daher. Jana Lissovskaia ist mal Hans’ vernachlässigte Mutter, mal robuste Ärztin, dann wieder eine wunderbar lethargische Kuh.

Und zwischen ihnen tanzt und taumelt Florian Lange und findet am Ende irgendetwas, das vielleicht Glück ist.

29.4., 9., 30.5., 13., 17.6.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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