René Polleschs Ruhrtrilogie abgeschlossen

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Im Dialog mit dem Pony: Fabian Hinrichs in der Ruhrtrilogie. ▪

Von Annette Kiehl ▪ MÜLHEIM–Bevor sich die Mülheimer Industriebrache in ein Inselparadies verwandelt, verteilt das Theaterpersonal erst einmal warme Decken und schenkt Wodka aus.

Der Wind weht vor Beginn der Freiluft-Vorstellung kühl über den Schotterplatz. So greift man gerne zu, bevor man sich auf den weißen Plastikstühlen vor der Bauwagen-Bühne niederlässt. Es steht ein ungewisser Abend bevor: Der Berliner Autor und Regisseur René Pollesch hat den dritten und finalen Teil seiner Ruhrtrilogie ungeniert „Der Perfekte Tag“ genannt. Für die Produktion der Berliner Volksbühne und des Mülheimer Ringlokschuppens, die als Projekt der Kulturhauptstadt stattfindet, verspricht er Zaubertricks und Hawaii, Hamlet und Erweckung. Und dann macht‘s in der ersten Szene auf der blinkenden Glühbirnen-Wand „Plop“ – und ein Stück über schöne Illusionen und glücksbringende Täuschungen entfaltet sich vor der trashig-heruntergekommenen Kulisse hinter dem Straßenbahndepot.

Zum Auftakt trägt Fabian Hinrichs im gestreiften Bademantel und mit bedeutungsschwerer Stimme die „100 wichtigsten Erfindungen der Menschheit“ vor: „Nr. 4: Klebstoff – vor spätestens 80 000 Jahren“, Nr. 11: Lampe – vor spätestens 17 000 Jahren“, Nr. 46.: WC – 1596“. Und die beste Erfindung, natürlich: „Der perfekte Tag!“ Die „Entlassung des Publikum“, das zwischen ein paar alten Bauwagen, einem Zirkuszelt und Leinwänden sitzt, sei dabei erst für den nächsten Morgen geplant, kündigt Hinrichs feierlich an. Ein paar Zuschauern, die das Gelände schnell verlassen, winkt er fröhlich hinterher.

Tatsächlich ist sein verdrehter Monolog von Erfindungen, Liebe und Dildos ein schauspielerischer Kraftakt, der von konsequenter Künstlichkeit geprägt ist. Doch er ist in seiner Monotonie und Länge auch reichlich anstrengend. Die ausufernden Gedanken und Textschwälle verlieren sich im Nirgendwo. Ein Pferd auf dem Platz und Volker Lechtenbrinks 80er-Jahre-Hit „Ich mag“ lockern nur für einen Moment auf.

Erst spät, mit dem Auftritt von Volker Spengler gewinnt das Stück an Charakter, wird die Vielschichtigkeit spürbar. Der Schauspieler lässt die Qualität spüren, die Polleschs Stücke kennzeichnet: Das naive Staunen und den Witz, wenn die Wirklichkeit auf die philosophische Theorie kracht und sich das Theater selbst entzaubert. Mit Gänseblümchenkranz im grauen Haar und dicker Goldkette über dem engen Feinripp-Unterhemd sitzt er wie ein Koloss im Wohnwagen und schildert Fabian Hinrichs seine Gedanken. Väterlich erzählt er von vergessenen und künstlich wieder aufgebauten Erinnerungen und der Sinnhaftigkeit einer Lüge. So erkennt der nun stille Hinrichs: „Dieses perfekte Leben, das war ja eine Erfindung!“

Diese wird dann aber ausgiebig zelebriert, und hier zeigt sich, warum Pollesch sich in seinen Stücken immer wieder auf Hinrichs‘ Schauspielkraft verlässt: Ganz spielerisch wechselt dieser vom ernsthaften Dialog in eine ausgelassene Szene, singt zu Disko-Rhythmen Zarah-Leander-Lieder – und ist im nächsten Moment doch wieder ganz bei den fundamentalen Fragen des Lebens.

Das Theater, so mag man als Fazit der Ruhrtrilogie mitnehmen, ist der einzig mögliche Raum für den perfekten Tag. Auch, oder gerade weil hier das Wiehern des Pferdes vom Tonband kommt.

Mit großem Turban und Glitzerkostüm tänzelt Hinrichs zum Finale über die Bühne, führt Zaubertricks mit einer schwebenden Kugel vor. Die werden vom Akteur selbst mit einem Grinsen kommentiert: es lebe die Durchschaubarkeit der Illusion! Gleiches gilt für Hinrichs holprige Verwandlung in einen Schmetterling. Die Flügel des Kostüms haben sich verdreht, eine Assistentin muss bei der fulminanten Entfaltung helfen. Doch dann fliegt der Held, zumindest fast, rennt beseelt zu Sheryl Crows Lied „Run Baby, Run“ über den Schotterplatz. Irgendwie glaubt man ihm die Verwandlung, einen Moment lang.

Rene Polleschs Ruhrtrilogie. Teil 3: 25.6, Teil 1: 23.6., Teil 2: 24. 6. Alle drei Episoden als „Perfekte Nacht“: 26.6.

Tel. 01805/ 515 2010, http://www.ruhr2010.de/ruhrtrilogie

Quelle: wa.de

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