Ralph Dohrmanns Roman „Kronhardt“

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Chronist einer Firma und eines Lebensflüchters: Schriftsteller Ralph Dohrmann. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Ralph Dohrmann gelingt in seinem ersten Roman „Kronhardt“ gleich etwas Seltenes. Er hat einen eigenen Sound. „Reproduktion: Bereits vorhandene Individuen erzeugen neue Individuen. Eheliche Pflichten und Beischlaf, und Knocken, Ficken Vögeln – die Gesichter im Orgasmus verzerrt, und Millionen propellergetriebene Köpfe, die auf dem Sekret zuckten und kämpften, bis zuletzt einer in die Eizelle drang und mit ihr verschmolz.“

Solche Gedanken treiben Willem Kronhardt um, als er Fotos seiner Schwiegereltern betrachtet. Zugleich findet man hier auf engstem Raum das philosophische Zentrum von Dohrmanns Roman. Das Leben als Fremdbestimmung, seien es biochemische Prozesse bei den Spermien, seien es beim fertigen Menschen Normen, Gesetze, Erwartungen. Willem möchte nur er selbst sein.

Er ist Spross einer erfolgreichen Unternehmerdynastie. Die Firma Kronhardt ist eine Stickerei-Manufaktur in Bremen, gegründet von seinem Großvater, die er einmal übernehmen soll. Aber er hat andere Pläne. Zumal seine Mutter und sein Stiefvater alles andere als sympathische Vorbilder abgeben. Sie, die oft nur die „Alten“ heißen, hängen noch dem Gedankengut der Nazis an. Dabei haben sie die Firma nur noch dank dem verstorbenen Richard Kronhardt, Willems Vater. Der war Antifaschist, in die Schweiz emigriert, wo er als Künstler arbeitete. Nach dem Krieg kehrte er heim an die Weser – und starb einen rätselhaften Tod bei einem Schiffsausflug.

Dohrmann erzählt gleichsam in zwei Anläufen. Der erste Teil, der in den 1960er Jahren einsetzt, ist der Entwicklungsroman eines Mannes auf der Suche nach seiner Individualität. Der Stiefvater mit strengem Regiment den Jungen rüsten will, auf dass er im Sinne des Unternehmens funktioniere. Doch Willem findet immer neue Fluchtpunkte, in der Naturbetrachtung zum Beispiel, aber auch in sympathischen Außenseitern wie dem Hausarzt Doktor Blask, der unter den Nazis Objekt von Menschenversuchen geworden war, und dem Wachmann Zirbel. Es stellt sich heraus, dass Willem unfruchtbar ist. „Sie genießen Immunität“, sagt Blask, und das stimmt in einem umfassenden Sinn. Willem wird zu einem Helden des Eskapismus. Er wird in der Firma nur halbtags arbeiten, überlässt seiner ehrgeizigen Barbara das Geschäft und verbringt die Tage mit Nachdenken, Whisky und Musik.

Im zweiten Teil zeigt Dohrmann, dass er auch den komischen Krimi beherrscht, indem er uns eine hinreißend groteske Hamlet-Variante bietet. Willem möchte wissen, wie sein Vater gestorben ist, und er setzt das Detektivpaar Rambow und Rambow auf den Fall an, Meister der Maske, die stets einen erlesenen Hochland-Kaffee, einen exquisiten Whisky auftischen.

Es ist wunderbar, wie Dohrmann in diese Schilderung eines unternehmerischen Aufstiegs und familiären Niedergangs die Zeitgeschichte einbindet. Er erzählt von dem aufklärerischen Erdkundelehrer, den reaktionäre Eltern von der Schule intrigieren, lässt eine Schulfreundin Willems bei einem Terroranschlag umkommen, beschreibt das Wechselspiel zwischen Firmenentwicklung und Imagepflege in der Lokalzeitung. Er erklärt, wie Innenarchitektur als Steuerinstrument für die Produktion genutzt wird. Am Ende gibt‘s, vielleicht etwas zu beschleunigt, noch die Geschichte der Bundesrepublik als Schnelldurchlauf.

Man braucht ein wenig Zeit, um sich in Dohrmanns Stil zurechtzufinden. Aber dann wird man dann auch belohnt mit einem gedankenvollen, sinnfällig gebauten Roman. Zumal der Autor selbst einem profanen Besuch von Jugendlichen in einer Sandgrube große Naturprosa abgewinnt: „Ein anderes Mal stießen sie in der mächtigen Eisenwann auf einen behauenen Flintstein; ein wunderbares Ding, das mit seinen beinah weich geschlagenen Kanten perfekt in der Hand lag. Sie hatten auf Anhieb das Gefühl, Druck und Hitze aus tiefster Zeit zu spüren – und mehr: alle Kultur gebündelt in einem Kern zu halten.“

Ralph Dohrman: Kronhardt. Ullstein Verlag, Berlin. 920 S., 24,99 Euro

Quelle: wa.de

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