„Raketenmänner“ von Frank Goosen

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Seine „Raketenmänner“ sind nicht mehr nur im Ruhrgebiet unterwegs: Frank Goosen.

Von Ralf Stiftel - Elton John hat das neue Buch von Frank Goosen inspiriert, sein alter Hit „Rocket Man“, in dem ein Astronaut über seinen Beruf singt und davon, dass er seine Frau vermisst.

Der Autor erzählt von Männern, die unterwegs sind, von Verlierern, Kerlen in der Krise. Manche wissen davon noch nichts, wie Frohnberg, Abteilungsleiter in einer Firma, bei der es nicht gut läuft, der demnächst seinen Mitarbeiter Ritter feuern wird und der es hasst, Chef zu sein.

Auf den ersten Blick reihen sich hier Erzählungen aneinander. Aber Goosen hat sie zu einer Art Roman montiert, das Personal der einen Geschichte taucht zwei oder drei Kapitel später wieder auf. Mehr noch aber verbinden die Leitmotive die Episoden. Goosens Helden sind unglücklich in dem, was sie tun, oder in dem, wie sie leben. Der Journalist Kamerke wird von seiner Frau betrogen und nimmt sich vor, es ihr heimzuzahlen. Er trifft Gaby – der er in seinem Hotelzimmer die Kutschfahrt aus „Madame Bovary“ vorliest. Die berühmte Ehebruchszene wird zur Ersatzhandlung.

Der Bochumer Schriftsteller und Kabarettist, dessen Erzählen aus dem Ruhrgebiet („Liegen lernen“, „Sommerfest“) bisher eher humoristisch grundiert war, sucht einen ernsteren Ton. Die „Raketenmänner“ blicken zurück, ziehen Bilanz, manche versuchen den Neustart, manche sehen dem Tod ins Auge. Sie stecken fast alle fest in ihren Verhältnissen, haben ihre Träume nicht verwirklicht. Dem Familienvater und Hausbesitzer Kobusch, der Wert darauf legt, „dass der Rasen im Garten regelmäßig gemäht und der Tisch nach dem Essen vollständig abgeräumt wurde“ und dessen Frau ihn mit seinem Arzt betrügt, diesem Kobusch sagt Sabolewski, den seine Gefährtin verlassen hat und der bei dem Freund untergeschlüpft ist: „Ich finde, du solltest ein bisschen mehr sein wie ich.“

Zu Overbeck kommt ein Paar, das sich scheiden lassen will. Die Kinder sind das Problem. Weder Mutter noch Vater wollen sie, an ihnen ist die Ehe gescheitert. Kein Wunder, dass der Anwalt einfach geht. So wie Ritter seiner erbärmlichen Angestelltenexistenz entflieht. Und Sabolewski sich der Dame entzieht, die für die Musik auf dem für sie zusammengestellten Mixtape kein Verständnis aufbringt (der Sänger „hat so durch die Nase gesungen“). Und selbst Frohnberg landet im Baumhaus seiner Kinder und schaut seinem bisherigen Leben durchs Fenster zu.

Goosens Buch ist am stärksten da, wo er sich zurücknimmt, wo er sich auf die Situation konzentriert. Wo er nicht große Namen fallen lässt von Kehlmann bis Arno Schmidt, wo er nicht den Kenner raushängen lässt wie beim Song „I Hear You Knocking“. Wo er nicht in der Schleife der Midlife-Crisis hängt und seine Helden den Frust recht stereotyp durchleben lässt. In der Abschiedsrunde von Turbo Krupke zum Beispiel, der mit den Bayern Meister hätte werden können, wenn er es damals nicht vermasselt hätte mit Saufen und Zocken und dem Geld, das er angenommen hatte. Und wenn Sabolewski dann die Fürsorge für die alte Beierle übernimmt, die den Supermarkt nicht mehr allein findet.

Schön unterspielt er auch das Zusammentreffen von Sabbo mit seinem Vater, der in den USA nicht berühmt wurde, aber sie alle kennt, Neil und Joni und erst recht Stevie, der er beim Songschreiben zur Hand ging für das Erfolgsalbum „Rumours“. Da passt die knurrige Distanz des Protagonisten zu den unausgesprochenen, aber spürbaren Gefühlen. Nur schade, dass die Goosen-Leser die schönste deutschsprachige Platte aller Zeiten nie hören werden, eben die „Raketenmänner“ eines gewissen Stephan Moses. Die Musik spielt nur im Kopf.

Frank Goosen: Raketenmänner. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 237 S., 18,99 Euro

Quelle: wa.de

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