Max Raabe solo im Konzerthaus Dortmund

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Max Raabe im Konzerthaus Dortmund ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Er singt vom Wind, vom Meer, von der Heimat. Ein leiser Beginn, der unzeitgemäßen Sehnsuchtsgefühlen Ausdruck verleiht. Das Lied von Werner-Richard Heymann und Robert Gilbert sangen 1931 die Comedian Harmonists. Max Raabe trägt es im Konzerthaus Dortmund vor im strengen Gestus eines Kammersängers, der sich einen Liederzyklus von Schubert vorgenommen hat. Er trägt Frack, wie immer. Fast reglos singt er, ein kleiner Ausfallschritt markiert schon einen emotionalen Ausbruch. Manchmal stützt er den Ellbogen aufs Klavier.

„Guten Abend“, sagt er nach dem ersten Titel. „Herr Christoph Israel begleitete mich am Flügel. Nach diesem Prinzip gestaltet sich auch der Rest des Abends.“ Das sagt alles, was zu sagen ist. Selbst Titel annonciert er nicht, nennt nur Komponist und Texter und das Jahr, aus dem das nächste Werk stammt.

Es sind diese alten Lieder, die der 1962 in Lünen geborene Sänger ohnehin mit seinem Palastorchester dem Vergessen entreißt, aus den goldenen Jahren der deutschen Unterhaltungsmusik. Diesmal allerdings in Kleinstbesetzung, ganz konzentriert auf das Material und ohne die glänzenden instrumentalen Effekte. Auf seiner Platte „Übers Meer“ und nun mit dem Live-Programm widmet Raabe den Schöpfern dieser Lieder eine melancholische Hommage. Sie alle mussten 1933 Deutschland verlassen, verjagt von den NS-Kulturbanausen, die zu blöd waren für den Witz, zu stumpf für die Schönheit dieser Kunst. Bei Raabe wird daraus kein vertontes Referat. Er lässt die Musik für sich sprechen.

Natürlich schwingt da oft Traurigkeit mit, zum Beispiel im elegischen Filmhit „Irgendwo auf der Welt“. Aber diese Lieder haben Qualitäten, die heutiger Popmusik fehlen. Die Frivolität, das herrlich doppelzüngige Spiel mit Andeutungen ging verloren. „Weißt du was du kannst“ flötet Raabe in hohen Tönen seiner Angebeteten seine Einladung vor. „Wenn du‘s gestattest, werd‘ ich bloß dein Händchen drücken“, singt er, und das erotische Begehren wird zugleich angesprochen und verharmlost. Wie unschuldig klingt das Eigenlob: „Keiner kann das so, wie ich es kann.“ Das Lied von Walter Jurmann, Austin Egen und Fritz Rotter spricht nichts aus – und ist süße Verlockung.

Ist das heute nur noch nostalgisch, wie auch die förmliche Kleidung Raabes und seines Pianisten, ihr extrem stilisierter Auftritt? Schon 1930 meinten Max Hansen, Austin Egen, Curt Bois und die anderen es nicht ernst, wenn sie von eifersüchtigen Ehemännern sangen. Der Reiz dieser Inszenierungen aber sticht allemal viele aktuelle Banalitäten aus. Und ist das Liebesdilemma nicht heute noch bestens auf den Punkt gebracht in nur einer Zeile: „Sag nicht du zu mir, wenn meine Frau dabei ist...“

Sein Vortrag besticht durch die Präzision. Oft verfällt er in einen Sprechgesang, aber das Timing stimmt stets. Wenn er in die Kopfstimme wechselt, einen Ton hält, ja sogar, wenn er einen Schritt beiseite tut, damit Christoph Israel die Aufmerksamkeit hat. Einmal hat er offenbar vergessen, was als nächstes kommen soll. Trotzdem fällt er nicht aus der Rolle, blickt stumm zum Pianisten, der schlägt ein, zwei Akkorde an, dann ist auch Raabe wieder in der Spur. Unbedingt muss man noch erwähnen, wie er und Israel zweistimmig pfeifen.

Nicht nur als Interpret ist Raabe dem Material gewachsen. Auch sein Stück „spanischen Charakters“ ist auf der Höhe der alten Meister, seine Komposition „Carmen hab Erbarmen“. Und Friedrich Hollaenders rabiates russisches Eifersuchtsdrama „Stroganoff“ gewinnt mit Raabes unterkühltem Vortrag noch an Witz. Schon wie er blasiert „Ballett“ ruft ins Pianosolo, ist eine Pointe. Und für die hat das begeisterte Publikum durchaus ein Gespür.

Weitere Auftritte mit dem Palastorchester: 21.4. Tonhalle Düsseldorf, 26., 27.4. Konzerthaus Dortmund,

Tel. 0231/ 22 696 200,

http://www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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