Der Don predigt: Theater frei nach Cervantes

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Im Krankenhaus mit US-Soldaten: Don Quichote reist am Essener Grillo-Theater durch die Welt von heute.

ESSEN - Ingrid Domann und Jan Pröhl spielen die Tiere auf einer zweiten Erzählebene in dem Stück „Die neuen Abenteuer des Don Quichote“, zu sehen am Essener Grillo-Theater. Der Autor, Tariq Ali, versetzt den Don, Sancho und die Tiere ins 21. Jahrhundert. Das Stück ist ein Auftragswerk für das Schauspiel Essen.

Don Quichote und Sancho Pansa haben ein Problem-Maultier: Es besteigt dauernd des Ritters treue Rosinante. Also empfiehlt Quichote, ihm das Geschlechtsteil am Schwanz festzubinden. Fortan dürfte das Maultier sexuell ziemlich frustiert sein, denn es führt mit dem Pferd existenzialistisch-nöhlige Dialoge, in denen es um das Hohelied, das Schicksal ihrer Herren oder die allgemein miesen Zustände auf dem Erdball geht.

Der Autor und Filmemacher Tariq Ali, ist bekennender Linker, politische Botschaften waren zu erwarten. Was Regisseur Jean-Claude Berutti auf die Bühne bringt, ist allerdings dermaßen mit moralischen Fingerzeigen überfrachtet, dass jeglicher Schwung in den ersten Minuten einschläft und nicht wieder aufersteht.

Don Quichote trägt Klapperrüstung und Ziegenbart. Silvia Weiskopf spielt ihn mit beträchtlichem Körpereinsatz als großäugigen Stauner, als Mahner mit zittriger Greisenstimme. Jens Ochlast ist ein bodenständiger Sancho. Die Gefährten treffen eine Roma, die vor einem Pogrom flieht. Der ahnungslose Quichote orientiert sich überraschend schnell über die Verhältnisse und bildet sich gleich seine Meinung: Hochfinanz, Politik, Gesellschaft – alle korrupt, schlimmstenfalls gewaltbereit. Der Ritter weist Sancho an, seine Bibliothek – darunter Hegels Rechtsphilosophie – in die Mülltonne zu werfen.

Auf seiner Reise begegnet er einem Exiliraker, wird Opfer einer Schlägertruppe und trifft in der Wüste auf muslimische Sodomiten, die eine Republik gründen und das Weiße Haus korrumpieren wollen. Die Liebe, erfährt er, ist in der Moderne nur noch Geschwafel und Geschacher. Ein Barmädchen stimuliert seine Phantasie mit einer Liebesgeschichte von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, da regt sich im Don noch einmal die Lust.

Schlimm ist an diesem wirren Abend nicht nur die mangelnde Festlegung auf eine Darbietungsform. Was soll es sein, Nummernrevue, Farce, Kabarett? Man weiß es nicht. Aus Don Quichote wird eine lächerliche Gestalt nicht seiner unzeitgemäßen Verträumtheit oder seiner Ideale wegen, sondern weil er ständig predigt. Ein paar Running Gags gibt es, einer besteht darin, dass der leicht erregbare Ritter zur Beruhigung einen Schluck Wasser nimmt und rülpst. Als Schockeffekt darf das Maultier Sprüche über Juden, Muslime und andere religiöse Gruppen dreschen.

Schlimm ist die Langeweile, die behauptete moralische Eindeutigkeit, die Klage über das große Böse, das abwechselnd die Banker und die Amerikaner verkörpern. Don Quichote reist ans Horn von Afrika und wird an der Seite somalischer Piraten erschossen – von gelangweilten Amerikanern, die noch die Stulle in der Hand halten, während sie den Tötungsbefehl geben. US-Soldaten sind in einer Krankenhaus-Szene „Kinder des Satan“, die Stars und Stripes rauschen von der Decke.

Fehlte nur noch, dass die Essener die Flagge anstecken – zumindest hätte das ins Programm gepasst. All das ist nicht nur vorhersehbar und daher langweilig: Es ist eine pessimistische Bilderschau ohne zündende Ideen, eine anderthalbstündige Politlektion, die keinen selbstkritischen Gedanken enthält, eine Predigt, die sich mühsam als Theater tarnt. Man sollte lieber Cervantes lesen.

9., 10.11., 13.12., Tel. 02 01/81 22 200, www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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