Das Projekt „China 8“ bringt Gegenwartskunst aus dem Fernen Osten in acht NRW-Städte

Ein Idyll aus Kränen, Straßen, Funktürmen: Yang Yongliangs Video ist in Gelsenkirchen zu sehen.

Von Ralf Stiftel ESSEN - Der steigende Nebel sieht auf den ersten Blick aus wie eins jener fein getuschten Rollbilder aus dem alten China. Kunstvoll eingefangen sind die baumbestandenen Berge, von denen sich Wasserfälle ins Tal ergießen. Dann aber bemerkt man, dass in diesem Bild das Wasser wirklich strömt.

Die traditionelle Komposition entpuppt sich als Täuschung: Wir stehen vor einer Stadtlandschaft, durchzogen von Autobahnen, auf denen Busse fahren. Über Plätze laufen stecknadelkopfkleine Menschen. Die Bäume sind Strommasten. Keine Natur, nirgends. Yang Yongliang beraubt in seinem Video China der Oberflächenidylle.

Zu sehen ist das Werk im Museum Gelsenkirchen. Es ist eine Station des Kunst-Events „China 8“. Ein symbolischer Titel: Die 8 steht in der chinesischen Mythologie für Glück. Neun Museen zwischen Düsseldorf und Hagen zeigen den bislang umfassendsten Querschnitt durch die chinesische Gegenwartskunst mit Arbeiten von 120 Künstlern. Deren Werke erzielten in den letzten Jahren international Höchstpreise, zum Beispiel die grelle Figurenmalerei von Fang Lijun und Yue Minjun. Beide sind mit aktuellen Arbeiten in Duisburg zu sehen.

Angestoßen hat das Projekt der Kunstmanager Walter Smerling, Direktor des Duisburger Museums Küppersmühle. Die Schau ist nicht unumstritten. Die Kuratoren kooperieren mit offiziellen Stellen in China wie der Central Academy of Fine Arts in Beijing. Nicht erst seit der Verfolgung von Ai Weiwei ist klar, dass sich die Künste in dem bevölkerungsreichsten Land der Welt nicht frei entfalten können. Smerling versichert aber, dass die Behörden die Liste der angefragten Künstler unverändert genehmigten. Selbst Ai Weiwei hätte dabei sein können. Er war eingeladen, lehnte aber die Teilnahme ab.

Smerling erläutert, dass die chinesischen Künstler sich gelöst haben von der Orientierung zum Beispiel an der westlichen Pop-Art. Und es fällt auf, wie vielfältig die Künstler arbeiten. Überall lassen sich Entdeckungen machen. Die Künstlerin Dong Yuan zum Beispiel bildet das Haus ihrer Großmutter ab, nicht als ein Gemälde, sondern als eine Art Puzzle aus Gemälden in unterschiedlichen Formaten. Der Teller mit der Mahlzeit, die Eieruhr in der Küche, die Neonröhre an der Wand – alles malte sie einzeln und montiert es zu einem irritierenden Ganzen, jetzt im Osthaus-Museum Hagen, das sich der angewandten Kunst widmet.

Staatskunst im Sinne von Propaganda ist nicht zu sehen. Wenn Lv Sanchuan den Beijing Square (2012) malt, dann ist die wuselnde Menschenmenge zu einer Art Brandung aus wuchtigen, fetten Farbstrichen verwandelt, so dass das Bild eher an informelle Abstraktion erinnert. Etwas anderes befremdet: Wie sehr sich viele Künstler dem internationalen Markt angepasst haben. Ein 16 Meter breites Gemälde von Touristen, die in eine Landschaft blicken, ist von vornherein für ein Museum, ein staatliches Gebäude oder den Palast eines Internetmilliardärs geschaffen. Man mache die Probe vor Huang Mins „View, review“ (2010) im NRW-Forum in Düsseldorf. Xu Bing legt 500 000 Filterzigaretten zu einem Bodenpuzzle in Form eines Tigerfells aus, zu sehen im Lehmbruck-Museum in Duisburg. Zeng Fanzhi bläst Dürers berühmten Hasen auf vier mal vier Meter auf und setzt ihn hinter ein nervöses Liniengeflecht – ausgestellt im Museum Küppersmühle. Liu Jianhua formt zwei Meter hohe weiße Papierbögen aus Porzellan (2009), fragile Meisterwerke des Kunsthandwerks, aber eben auch reine Virtuosenstücke, zu bewundern im Osthaus-Museum.

Man findet durchaus Werke, die Distanz zur offiziellen Politik ausdrücken, auch Kritik. Aber das alles ist bemerkenswert unprovokativ, verhalten, geht nie an die Schmerzgrenze wie manche Aktion von Ai Weiwei. Wenn Huang Rui auf einer monochrom grünen Tafelmalerei die Schriftzeichen für „Helden aus dem Wald“ setzt, was eine Art chinesischen Robin Hood meint (in der Kunsthalle Recklinghausen), raubt das keinem Parteifunktionär den Schlaf. Jiang Jie verpackt Ziegel aus dem sozialistischen Wohnungsbau, mit rosa Schleifchen, und legt sie als Bodenarbeit aus, über die Besucher laufen dürfen. Auch da gibt es viel ästhetischen Zucker um die Kritikpille.

Kaum werden konkrete Probleme des Landes bearbeitet. Man findet solche Werke am ehesten bei den technischen Medien. Im Museum Glaskasten in Marl zeigt Zhang Peili ein achtstündiges Video mit Näherinnen in einer Fabrik. Hier ahnt der Besucher, welche Umbrüche das Boomland China prägen. Im Museum Folkwang sind Fotos von Liang Weizhou zu sehen, der Fabriken abbildet in einem schmutzigen Grau, unter einer giftgelben Abgasschwade. Li Zhengde fotografiert den Alltag in Shenzhen, zum Beispiel zwei Kinder, die ihre Augen spielerisch mit einer verbreiteten Reklame für Privatkredite verbunden haben. South Ho Siu Nam zeigt die Occupy-Protest-Camps in Hongkong (2014) und hat auf den Ausdrucken den Regierungspalast schwarz verdeckt, ein schwarzes Loch der unerschütterlichen Macht.

Vor allem durch die schiere Masse unterläuft das Projekt Einwände, weil eben irgendein kritisches, provokatives Bild sich immer findet, und sei es in einer Nische. Am Ende bleibt der Eindruck zwiespältig: Gewiss ist die Schau informativ und oft ansprechend. Aber ebenso oft mutet sie auch an wie eine Messe, die vor allem den Umsatz befördern soll.

Die Stationen und die Themen:

- Eine Art Übersicht bietet das NRW-Forum in Düsseldorf. 15.5.–30.8., di – so 11 – 20, fr bis 22 Uhr, www.nrw-forum.de

- Etablierte Malerei: Museum Küppersmühle Duisburg. mi 14 – 18, do – so 11 – 18 Uhr, www. museum-kueppersmuehle.de

- Figurative Skulptur: Lehmbruck-Museum Duisburg, mi – sa 12 – 18, do bis 21, so 11 – 18 Uhr, www.lehmbruckmuseum.de

- Fotografie: Museum Folkwang Essen, di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201/ 8845 444,

www.museum-folkwang.de

- Tuschmalerei und Kalligrafie: Kunstmuseum Gelsenkirchen. di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0209/ 169 4361, www. kunstmuseum-gelsenkirchen.de

- Angewandte Kunst: Osthaus-Museum Hagen. di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02331 / 207 3138

www.osthausmuseum.de

- Video und Sound: Glaskasten Marl. di – so 11 – 17, do bis 20 Uhr, Tel. 02365 / 99 22 57, www.skulpturenmuseum-glaskasten-marl.de

- Installation: Kunstmuseum Mülheim. di – so 11 – 18 Uhr,

www.kunstmuseum-mh.de

- Junge Malerei: Kunsthalle Recklinghausen. di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02361/ 501 935

www.kunst-re.de

Alle 15.5.–13.9.,

www.china8.de

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 39 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro

Quelle: wa.de

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