Das Projekt

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Aus dem Abfluss steigt das kühle Nass: Claudia Schmackes eigenwilliger Brunnen „Erscheinen und Verschwinden“ am Massener Bach.

Von Ralf Stiftel Unna/Kamen - Der Abfluss liegt deutlich über dem Pegel des Massener Bachs in Unna-Afferde. Und in ihm verschwindet kein Wasser, es erscheint in Form einer Fontäne, die stufenweise immer höher stiegt und dann wieder verebbt, um nach einer kleinen Pause wieder zu erscheinen.

Was man von der Brücke sieht, ist ein absurdes Schauspiel. Mitten in die Natur ist das Kunstwerk von Claudia Schmacke gesetzt, als ob Bäche Abflüsse hätten wie das Spülbecken in der heimischen Küche. „Erscheinen und Verschwinden“ heißt die Arbeit, die für das Kunstprojekt „Über Wasser gehen“ an der Seseke und ihren Zuflüssen realisiert wurde. Die in Witten geborene Künstlerin, die Wasser zu einem zentralen Thema ihrer Arbeit gemacht hat, weist mit ihrer Installation auf eine verborgene Struktur hin, die erst das überirdische Idyll ermöglicht. Früher mussten die Flüsse und Bäche der Region die Abwässer der Industrialisierung aufnehmen. Heute fließen die durch eine Kanalisation, eine schmutzige Unterwelt, die in Afferde sozusagen immer wieder grüßt.

Mit vier Kunstwerken wird fortgeschrieben, was im Kulturhauptstadtjahr 2010 mit einem guten Dutzend Arbeiten begann. „Über Wasser gehen“ ist sozusagen die kleine Schwester der Emscherkunst. Die Seseke, die bei Lünen in die Lippe mündet, hieß lange die „kleine Emscher“, weil sie ebenso begradigt und als Kloake genutzt wurde. Wie die Emscher wird sie renaturiert, für 500 Millionen Euro, und die Arbeiten sind recht weit fortgeschritten. In und um Kamen zum Beispiel sind Teile des Flusslaufs schon wieder so von der Natur erobert worden, dass sie unter Schutz gestellt wurden. Die Kunst soll den Wandel begleiten. Vier Arbeiten kommen 2013 hinzu, von denen allerdings erst zwei realisiert wurden und zwei im Laufe des Sommers folgen werden. Leitthema ist diesmal „Land gewinnen“.

Der Wert des Projekts liegt in seiner Nachhaltigkeit. Die meisten Kunstwerke bleiben dauerhaft in der Landschaft. Viele wurden populär als Treffpunkt wie die „Pixelröhre“ in Kamen von Wolfgang Winter und Berthold Hörbelt. Das 3,90 Meter hohe Stück eines mächtigen Kanalrohrs wurde mit geprägter Spiegelfolie beschichtet, so dass sich das Licht und die Umgebung darin reflektieren, allerdings in kleinen Bildelementen, so wie Pixel einer Digitalkamera.

In digitale Welten führt auch die zweite abgeschlossene neue Arbeit von „Über Wasser gehen“. Anja Vormann und Gunnar Friel haben „Natur 3000: Floating Stones“ geschaffen für die Generation Smartphone. An zentraler Stelle in Kamen, einem alten Pavillon am Rande der Innenstadt, und an weiteren Standorten in den beteiligten Gemeinden des Kreises Unna platzierten sie große Findlinge, Steine, die wie in einem Videospiel an ihren neuen Ort geflogen sein könnten. Auf jedem Stein findet der Wanderer einen QR-Code, den er mit seinem Mobiltelefon scannen kann. Der Erfolg: Ein kurzes Video, in dem das Künstlerduo die Natur kommentiert. Das Problem dieser Arbeit ist ihren Schöpfern vertraut, Anja Vormann sprach es an und sagte, sie hätten versucht, der Natur etwas hinzuzufügen. Trotzdem ist es einigermaßen absurd, Wanderer im Freien dazu zu bringen, sich von der wirklichen Welt ab- und einer virtuellen auf einem Kleinbildschirm zuzuwenden und da Pflanzen als Computertomographie oder eine Wiese aus dem Blickwinkel eines grasenden Pferdes zu betrachten.

Die Logistik des Projekts hinkt der Emscherkunst weit hinterher. Es gibt noch keinen gedruckten Lageplan, der die in der Landschaft verstreuten Kunstwerke verzeichnet, und der auf der Internetseite ist recht ungenau. Wahrscheinlich kennen die Bewohner der Region bereits die Lage der Klassiker wie der großartigen „Landschaft im Fluss“ von Thomas Stricker, einer künstlich angelegten Insel, die mit Sumpfzypressen und Schachtelhalm bepflanzt wurde, einer Art virtueller Urlandschaft in Bergkamen. Oder Bogomir Eckers absurden Laternen am schnurgeraden Rexe-Bach in Bönen. Oder der in Kamen in die Landschaft gemauerte Schriftzug „Jetzt“ von Christian Hasucha.

Zwei Arbeiten sollen noch folgen, und die sind leider noch nicht einmal auf der Projekt-Webseite zu finden. Ab 1. August zeigen Folke Köbberling und Martin Kaltwasser in Heeren-Werve die architektonische Phantasie „Here Comes The Rain Again“, bei der sie Ein-Familien-Häuser im Maßstab 1:10 an den Ufern arrangieren. Das Bureau Baubotanik plant den „wachsenden Steg“ an der Gesamtschule Kamen, eine Brücke aus lebenden jungen Bäumen. Die können aber erst im Herbst gepflanzt werden, so dass die Organisatoren keinen Termin für das Projekt nennen können.

Alle Arbeiten sind frei zugänglich.

www.ueberwassergehen.de

Quelle: wa.de

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