Premierenkritik

Münchner Kammerspiele: „Eine Jugend in Deutschland“ nach Ernst Toller

Schauspieler Sebastian Brandes mit Puppenkindern, die Schulbänke drücken.
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Eben noch sitzen sie in den Schulbänken, bald werden sie mit Stahlhelm und Uniform antreten, um in alle Einzelteile zerlegt zu werden – hier eine Szene mit Sebastian Brandes.

Die Münchner Kammerspiele zeigen den fantasievollen Szenenreigen „Eine Jugend in Deutschland“ nach Ernst Toller.

  • Die Theaterfassung von Ernst Tollers autobiografischem Roman „Eine Jugend in Deutschland“ wird zum Schulfunk für Fortgeschrittene.
  • In vielen Szenen fühlt man sich gut unterhalten, doch der Stoff sorgt auch für ausreichend Tragik.
  • Zum realen Stück gibt es traumhaft-surreale Überblendungen mit Videos.

So eine Räterepublik ist schon eine Pfundsgaudi. Zumindest die Münchner Räterepublik, die in den Kammerspielen jetzt zum höheren Komödienstadl avanciert – als eine von vielen Episoden im Leben Ernst Tollers: Da drehen sich Hasen und Wolpertinger in Kardinalsroben zum Tanz, und skurrile Kohlrabi-Apostel fordern mit Piepsstimme, Rohkost zur Staatsdoktrin zu machen. „Eine Jugend in Deutschland“ heißt der fantasievolle Szenenreigen nach Ernst Tollers gleichnamigem autobiografischen Roman, den Jan-Christoph Gockel mit Menschen und liebevoll gebauten Gliederpuppen inszenierte.

Letztere sitzen in altertümlichen Schulbänken, was insofern passt, als der e Abend ein wenig wie Schulfunk für Fortgeschrittene wirkt: Der Regisseur, Mitglied im neuen Leitungsteam der Kammerspiele, hat eine (zu große) Menge Wissen über Leben und Werk des Dichter-Revolutionärs Toller (1893-1939) in ein geschmackvolles szenisches Gewand gesteckt, das aber den didaktischen Impuls nicht ganz verhüllen kann.

Puppen treten mit Stahlhelmen und Uniformen an

Gut unterhalten fühlt man sich trotzdem etwa von der Parodie auf Goethes „Faust“, wo statt Mephisto und Gott jetzt Napoleon und der heilige Franziskus (mit lila Neon-Leuchtkreuz) wetten: um Tollers Seele. Hatte der doch nach einer Jagd geschworen, nie wieder ein Gewehr anzufassen. Aber kaum bricht der Erste Weltkrieg aus, meldet sich der Sohn eines jüdischen Kaufmanns freiwillig an die Front – wo er zum Kriegsgegner und Sozialisten wird. Denn natürlich geht es nicht bloß lustig zu in einem Stück, dessen Stoff für ausreichend Tragik sorgt: wenn aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs berichtet wird, wo die Lebenden neben den Leichen schlafen, ist es mucksmäuschenstill. Und wenn die Puppen, die eben noch in den Schulbänken saßen, mit Stahlhelm und Uniform antreten, um peu à peu in alle Einzelteile zerlegt zu werden, wirkt das gerade ihrer Spielzeug-Anmutung wegen besonders schauerlich.

Rein optisch geht es zum Ausgleich kulinarisch zu dank traumhaft-surrealer Überblendungen von Videos mit dem realen Bühnengeschehen; und einmal verlässt André Benndorff in der Rolle Tollers gar das Theater, um in einem Doppeldecker, der im Hof steht, Flugzeugabsturz zu spielen – was natürlich per Video in den Saal übertragen wird. In wunderbar grotesken Schwarzweißfilm-Szenen sieht man dann, wie Graf Arco, der Mörder Kurt Eisners, ins Hotel Vier Jahreszeiten flüchtet, wo immer die völkische Thule- Gesellschaft tagte und wo ein Richter sowie der Polizeipräsident auftauchen, um dem Täter Schutz zu versprechen. Ja, ein Hotelpage bringt sogar einen Blumengruß von der SPD, die auch froh ist über den Mord – und an diesem Abend furchtbar schlecht wegkommt wegen ihrer Kollaboration mit den verbrecherischen reaktionären Eliten jener Zeit.

Walter Hess als bescheidenes Zentralgestirn des Ensembles

Anderen Parteien geht es aber nicht viel besser: wenn die berühmte Rede zum Kriegsbeginn 1914 eingespielt wird, in der Kaiser Wilhelm II. erklärt, es gehe „um Sein oder Nichtsein“, hat man ein Hoppala-Erlebnis. Haben wir nicht jüngst erst von Politikern gehört, es gehe „um Leben und Tod“? Tendenziell kann man den Abend übrigens auch als Rückwendung zum „richtigen“ Schauspieler-Theater werten. Natürlich ist es eine Freude, Walter Hess wieder zu erleben, dieses bescheidene Zentralgestirn jedes Kammerspiel-Ensembles. Aus der bisherigen Truppe ist außerdem die herrlich wandlungsfähige Gro Swantje Kohlhof dabei, aber auch viele neue Gesichter lassen Gutes erwarten, so etwa Leoni Schulz oder Julia Gräfner, die als dickes Kind mit Riesenlutscher für Erheiterung sorgt.

Wobei man ehrlicherweise dazusagen muss, dass das Vergnügen diesmal eher hypothetisch bleibt: Dass Masken neuerdings auch während der Aufführung Pflicht sind, torpediert als sensorische Dauer-Irritation jede eindringliche Kunstwahrnehmung. Aber bitte, wenn’s der Wahrheitsfindung dient. Heftiger Beifall.

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