„Platte“ als Lebensgefühl: Jan Brokof im Museum Folkwang in Essen

Vergängliche Formen interessieren Jan Brokof. „Kleines Hochhaus“ (Holzschnitt, 2008) variiert die Wohnblockbebauung aus DDR-Zeiten, zu sehen in Essen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Der Plattenbau in der DDR ist mit einem kulturellen Stigma belegt. Im Westen galt diese Blockbauweise der Ostdeutschen als ideenlos, rückständig und stupide. Wie kann man darin nur leben?

Ein Symbol der Rückständigkeit wie das Auto Trabant („Trabi“) oder die eindimensionale Medienwelt – alles von der SED kontrolliert. Der Künstler Jan Brokof ist in einer Plattenbau-Wohnung aufgewachsen und weiß, dass die „Platte“ die akzeptierte, die angenehme Wohnform zu DDR-Zeiten war: helle Räume, Zentralheizung, mit Badezimmer und Toilette. In Schwedt an der Oder, wo Brokof 1977 geboren wurde, sind ganze Straßenzüge mit Plattenbauten abgerissen worden – nach 1990. Das Petrochemische Kombinat (Raffinerie) musste schließen. Wie Brokof mit dem Verlust umgeht, zeigt eine Ausstellung im Essener Musem Folkwang: „Der Westen war einsam“.

Es geht nicht um Ostalgie. Brokof ist kein Romantiker, der Angstzustände bearbeitet oder alte Zeiten idealisiert. Aber dass nur noch 36 000 Einwohner in Schwedt/Oder leben, wo im Jahr 1990 noch 50 000 Menschen zuhause waren, das hinterlässt Spuren. Mit dem Blick des Ethnologen stellt Brokof fest, dass Daseinsformen verschwinden; kurz: der Mensch und sein Plattenbau.

In Essen ist Jan Brokofs Jugendzimmer nachgebaut. Sein Bett, das Nachtschränkchen, der Schrank, das Bücherregal und eine Pflanze sind dreidimensional, aber nur als Oberfläche zu sehen. Das heißt, Brokof hat die Strukturen mit der Drucktechnik des Holzschnitts nachgestellt. In „Jugendzimmer“ (2005) bewegt man sich wie auf einer Comic-Bühne. Poster von George Michel und Billy Idol (beide 2004) „hängen“ an den Wänden. Diese Installation aus Holzschnitten in Schwarzweiß wirkt museal und geisterhaft, wie ein Graphic Novel, dem die Akteure fehlen. Vor allem „Jugendzimmer“ lädt Brokofs deutsch-deutsches Thema auf. Wer in diesem Zimmer war, versteht den programmatischen Ansatz seiner Kunst besser. Das Bild „Kleines Hochhaus“ (Holzschnitt, 2008) variiert die Plattenbauweise P2, die seit den 60er Jahren umgesetzt wurde. Andere Bilder wie „Am Horizont Polen“ (2009, Holzschnitt) liefern eine Draufsicht auf die Siedlungslandschaft und ihre meist rechteckig gestaffelten Räume. Die Reste der DDR-Moderne wirken schlicht und öde.

Jan Brokof hat in Dresden von 1999–2004 studiert und war Meisterschüler von Prof. Ralf Kerbach (bis 2006). Er lebt in Berlin und Dresden. Neben seiner ästhetischen Bestandsaufnahme werden die jüngeren Arbeiten Brokofs politischer. „Deutschlandhaus“ (2009) ist eine farbige Collage mit den deutschen Nationalfarben und einem übergroßen Adler auf dem Dach. Brokof erprobt die alten Symbole. Was ist akzeptabel, was ist politisch unkorrekt? In seinen Bleistiftzeichnungen zeigt er Menschen, Utensilien des Alltags, Blickperspektiven – er sammelt. Seine Tuschen erproben noch einmal die Architekturformen: Türme, Fassadenmuster, Fenster und Wände. Wohnsilos verschwinden auch im Westen, dort wo es weniger Arbeit gibt.

Jan Brokof erprobt sehr konsequent die Wirkmechanismen grafischer Techniken. Im Dresdener Leonhardi-Museum sind derzeit seine jüngsten Arbeiten zu sehen („Concrete Forest“). Die Schau der Grafischen Sammlung im Museum Folkwang bietet einen Überblick über sein Werk. Beide Institute arbeiteten zusammen.

Bis 3.4.; di – so 10 – 18, fr – 22.30 Uhr; Tel. 0201/8845 444, http://www.museum-folkwang.de

Katalog, Edition Folkwang/Steidl, Göttingen, 28 Euro

Quelle: wa.de

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