Plakate der 68er Jahre in Münster: Visuelle Revolten

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Roman Ciéslewiczs Plakat „Supermen“ (1968) präsentiert die beiden „Supermächte“ des Kalten Krieges, USA und UdSSR, zu sehen in Münster. ▪

Von Marion Gay ▪ MÜNSTER–Der rote Kussmund sagt „18 zählt, 18 wählt“. Was aussieht wie ein Plattencover, entpuppt sich als Werbeplakat zur Landtagswahl 1968. Unter dem Titel „Langzeitwirkung „‘68“ – Der visuelle Umbruch“ präsentiert das Landesmuseum Münster Plakatkunst nach 1968. Die Ausstellung ist nach „Münster – Mehr als nur ein Nebenschauplatz“ und „Globale Protestkulturen“ der dritte Teil der Reihe „Visuelle Revolten“. Zu sehen sind rund 100 Plakate, Plattencover und Zeitschriften.

Es war eine wilde Zeit, ein Jahrzehnt der Revolte: Von der Mitte der 1960er bis zur Mitte der 70er Jahre kam in der westlichen Welt beinah alles gesellschaftlich Etablierte auf den Prüfstand. Mit zwei Jahrzehnten Verspätung, nach dem Ende der NS-Diktatur und dem politischen Umbruch 1945/49, kam es zu einem visuellen Umbruch im westlichen Deutschland. Neue Muster der visuellen Kommunikation lösten das traditionelle Handwerk der Gebrauchsgrafik ab, Bildmuster und Sprachcodes der Jugendkultur traten seit 1968 an die Stelle alter Bildklischees und Mentalitäten der Kriegsgeneration.

Nichts war mehr so wie vorher, Knallfarben, Sonnenblumen und schrille Comic-Helden zogen in die Werbung, auf politische Plakate und Titelbilder. So sind auf dem Plakat des polnischen Grafikdesigners Roman Ciéslewicz „Supermen“ (1968) die beiden „Supermächte“ des Kalten Krieges, USA und UdSSR, Seite an Seite als spiegelgleiche Superhelden dargestellt. Das Motiv erschien als Titelcover des linkskritischen Pariser Magazins „Opus International“. Es symbolisiert die 1968 vorherrschende Ratlosigkeit innerhalb der linken Revolte, nachdem die Sowjetarmee die kommunistischen Reformversuche des „Prager Frühlings“ blutig beendet hatte.

Auch Wahlplakate sehen plötzlich aus wie Comics. So ist auf einem Plakat der SDS eine Faust im roten Handschuh zu sehen, die einer grüngepixelten Figur einen Kinnhaken verpasst. „Wam“ steht darunter, sowie „…Der Reaktion eine harte Linke“. Der unbekannte Grafiker verwertet ungeniert Roy Lichtensteins Siebdruck „Sweet Dreams, Baby!“ von 1965 und belegt damit den breiten künstlerischen Experimentierraum der westdeutschen „Neuen Linken“.

Selbst die CDU nutzt flapsige Umgangssprache, um Wähler zu locken. „Den Linken jetzt die rote Karte“ sagt die dauergewellte junge Frau mit der Trillerpfeife um den Hals. Neu sind auch die Farbigen in der Werbung. So entwirft der Düsseldorfer Grafiker Charles Wilp 1969 für „Afri-Cola“ ein Plakat mit einem dunkelhäutigen Mann neben einem weißen Paar. Der Spruch drückt den Zeitgeist aus: „sexy-mini-super-flower-pop-op-cola“.

Bunt und poppig sind die Plakate, egal ob für Parteien, die Sesamstraße oder für Musicals wie „Hair“ geworben wird. Natürlich fehlt auch Andy Warhol nicht. Sein berühmtes Zitat „In the future everybody will be world famous for fifteen minutes” prangt auf einem Plakat von 1968.

Auffallend provokant ist das Plakat aus der Serie „Look at“ (1968) von Tom Wesselmann, Teilnehmer der 4. Documenta. Die wie Schaufensterware dekorierte Nackte hat kein Gesicht, nur einen überdimensionalen geöffneten Mund. Die Frau als Opfer der kapitalistischen Konsumwelt, dieses Motiv irritierte Rechtskonservative und Linksalternative gleichermaßen.

Die Schau

Plakate, die mit frechem Strich und knalligen Farben noch Aufmerksamkeit erzeugten.

Visuelle Revolten im Landesmuseum Münster. Bis 11. März 2012; di - so 10 bis 18 Uhr, do bis 21 Uhr

Tel. 0251/ 5907 01; www.

landesmuseum-muenster.de

Quelle: wa.de

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