Pissarro als „Vater des Impressionismus“ im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal

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Ein Moment zwischen Licht und Schatten: Camille Pissarros „Bauernmädchen mit Strohhut“ (1881) ist in Wuppertal zu sehen.

Von Ralf Stiftel WUPPERTAL - Gedankenverloren sitzt das „Bauernmädchen mit Strohhut“ im sommerlichen Halbschatten. Camille Pissarro hat seine Figur sichtlich mit Liebe gemalt. Er setzt sie ins Wechselspiel aus Licht und Schatten, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ihre in die Ferne schweifenden Augen, indem er sie unter dem Schatten des Hutes aufhellt. Mit dickflüssiger Farbe lässt der Künstler den Hut geradezu greifbar werden. Ein beiläufiger, alltäglicher Augenblick gerinnt zum Sinnbild des Innehaltens. Gleich wird das Mädchen in der Schürze wieder arbeiten. Aber jetzt noch nicht.

Solche Porträts stehen für die Essenz des Impressionismus. Die junge Frau ist keine Prinzessin, keine Tochter eines reichen Kaufmanns, keine mythologische Figur. Das Interesse an ihr erwächst aus dem Moment. Heute erzielen Werke des Impressionismus Millionenpreise. Als ein Kritiker den Begriff 1863 prägte, wollte er die Künstler schmähen. Es war Camille Pissarro, der das Wort zum Markenzeichen umdeutete. Als „Vater des Impressionismus“ präsentiert ihn das Von-der-Heydt-Museum im Wuppertal, und nicht nur wegen dieses frühen Marketing-Kniffs mit guten Gründen. Museumsdirektor Gerhard Finckh will mit der Ausstellung diese Schlüsselrolle unterstreichen: Ohne Pissarro hätte es die Kunstrichtung so nie gegeben.

Die Retrospektive umfasst rund 70 Gemälde des Malers, ebenso vielen Arbeiten auf Papier und rund 30 Bilder seiner Vorbilder und Weggefährten wie Corot, Cézanne, Monet, Gauguin, van Gogh. In dieser Fülle wird man den Künstler so schnell nicht wieder bestaunen können.

Camille Pissarro (1830-1903) wurde als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer Kreolin auf der Antillen-Insel St. Thomas geboren und war damit Däne. Früh wollte er Künstler werden, er riss sogar mit einem Freund aus und lebte eine Weile in Venezuela. Aber 1855 durfte er in Paris Kunst studieren. Er geriet unter den Einfluss der Freiluftmaler von Barbizon, insbesondere von Camille Corot, als dessen Schüler er sich zeitweise bezeichnete. Damit kam man im reglementierten, an der Akademie orientierten Pariser Kunstbetrieb nicht weit. Viele Künstler durften damals nicht in den offiziellen Salons ausstellen. 1863 organisierte Pissarro unter anderem mit Edouard Manet und Paul Cézanne den „Salon des Refusés“, den Salon der Abgewiesenen. Er erwies sich als idealer Netzwerker und Motivator für die Impressionisten, von denen die meisten zehn Jahre jünger waren als er. Er tauschte sich mit Cézanne aus, regte ihn an, mit helleren Tönen zu malen. Er bewegte Gauguin dazu, ein professioneller Künstler zu werden. Er machte van Gogh mit dem Nervenarzt Dr. Gachet bekannt, der selbst malte und Verständnis für Künstler hatte.

Er selbst hatte erst spät Erfolg, war lange abhängig vom Galeristen Durand-Ruel, der viele Impressionisten förderte, und von Freunden. Und er erlitt Rückschläge wie im deutsch-französischen Krieg von 1870/71, vor dem er nach England floh. Als er heimkehrte, hatten die Preußen sein Haus geplündert. Von 1500 Bildern blieben ihm ungefähr 50. Für den Verlust erhielt er vom französischen Staat gerade 835 Francs.

Er war gewiss nicht der genialste Künstler der Bewegung. Aber er blieb bis ins hohe Alter aufgeschlossen und experimentierfreudig, versuchte sich zum Beispiel 1885 am Pointillismus. Und im letzten Lebensjahrzehnt entdeckte er die moderne Großstadt als Thema und schuf einige der schönsten Veduten von Paris, als es Metropole Europas war.

All das ist in Wuppertal in einer herrlichen Bildauswahl zu genießen, in einer Mischung aus thematischer und chronologischer Hängung. Er schuf lichtdurchflutete Panoramen, die oft Landschaft als kultivierten Raum, als Übergang von Natur zur Stadt oder zum Dorf schildern, Felder und Äcker, Straßen und Häuser. Pissarro zeigt diese Orte belebt mit flanierenden Paaren, aber auch mit arbeitenden Menschen wie in „Häuser in Bougival (Herbst)“ (1870). Er stand stets auf der Seite der kleinen Leute, verstand sich als Anarchist. Das schlug sich in Bildern nieder wie „Die kleine Magd“ (1882), die er beim Ausfegen der Stube zeigt, oder wie „Der Schweinemetzger“ (1883), einer lebendigen Marktszene.

Und grandios klingt die Schau aus mit den späten Stadtlandschaften, die Pissarro in den letzten Lebensjahren schuf. Die anderen Impressionisten waren da mit dem Thema schon durch, hatten sich wieder dem Landleben zugewandt. Er aber malte die Pont Boieldieu in Rouen umwölkt vom Rauch der Dampfer und Fabriken (1896). Er blickt vom Hotelfenster auf die Plätze und Boulevards von Paris. Die Fassadenfluchten und die Schattenfälle rhythmisieren „Die Avenue de l’Opéra und Place du Théâtre Francais“ (1898), und die Kutschen und Passanten bilden irritierende, vibrierende, unberechenbare Blickpunkte darin. Er entdeckt die Faszination des „Boulevard Montmartre bei Nacht“ (ca. 1897), wo Gaslaternen und beleuchtete Lokale als verwaschene, unscharfe Linien aus dem regenblauen Nachtdunkel aufblitzen.

Um diese faszinierenden Gemälde zu erblicken, muss man sonst nach Los Angeles, Washington, London, Paris reisen. Jetzt hat man sie an einem Ort versammelt, eine große Augenfreude.

Pissarro – der Vater des Impressionismus im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal. Bis 22.2.2015, di, mi 11 – 18, do, fr, 11 – 20, sa, so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0202 / 563 62 31,

www.pissarro-ausstellung.de, Katalog, Druckverlag Kettler, Bönen, 25 Euro

Quelle: wa.de

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