Pierre-Laurent Aimard spielt Kurtág beim Klavierfestival und lässt Kinder komponieren

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Sarah Nolden spricht mit Pierre-Laurent Aimard über ihre Komposition beim Klavierfestival Ruhr. ▪

Von Edda Breski ▪ DUISBURG–Maus und Hund hüpfen gemeinsam in den Klangcluster. Was sagen die Tiere: „Guten Tag, wie geht es dir? Mir geht es gut.“ Die achtjährige Sarah Nolden erklärte, was in ihrem Stück vorkommt, und spielte die Themen an. Aus dem Treffen von Maus und Hund entstand ein kleines Stück mit moderner Tonfarbgebung. Tiere hüpften diatonische und pentatonische Tonleitern hinunter, Windgeräusche wurden direkt auf den Saiten im Flügel erzeugt. Die Ergebnisse eines Kompositionsworkshops für Kinder war beim Klavierfestival Ruhr eine Überleitung für einen Abend, der dem großen ungarischen Komponisten und Pädagogen György Kurtág gewidmet war.

Das Discovery-Projekt des Klavierfestivals Ruhr liegt seit 2007 in den Händen von Pierre-Laurent Aimard, der unter anderem Professor an der Musikhochschule Köln ist, und Tamara Stefanovich. Für die diesjährige Präsentation in der Außenstelle des Folkwang-Museums in Duisburg haben beide kurze Werke von Kurtág und seinen Weggefährten gewählt. Der Leiter des Kompositionsworkshops, Vassos Nicolaou, und Olav Lervik haben Auftragswerke des Klavierfestivals zu Ehren Kurtágs geschrieben.

Das klingt ernster, als es an dem Abend selbst gemeint war. Die sechsjährige Maja Heuer trat mit großer Geste an den Flügel, schlug einen Akkord zehn Zentimeter über der Tastatur an und trat grinsend zurück: das war György Kurtágs „Pantomime“ aus „Játékok“. Mit Sarah setzte sich Pierre-Laurent Aimard ans Klavier: Kurtágs „Schläge und Zank für Klavier zu vier Händen“ ist ein Streit in knappen Noten – ein Spaß für junge und alte Musiker und für das Publikum.

Von den Kinder-Stücken mit ihrer Farbigkeit und Eingängigkeit ausgehend erkundeten die Musiker die Farbgebung und Struktur pianistischer Miniaturen: von den schwirrenden Kreisfiguren aus Bartóks „Tagebuch einer Fliege“, den „Fingerlarks“ von Kurtágs Lehrer Sandor Veress, die Aimard, Analytiker mit Leidenschaft, in eine Folge farbreicher, wohlbeherrschter Bilder verwandelt, und Ligetis „Cordes à vide“, von Tamara Stefanovic sanglich gespielt.

Aimards Kölner Studenten Lorenzo Soulès-Aguilar und Fabian Müller spielten Kurtágs acht Klavierstücke opus 3 und die Splitter opus 6d: Soulès-Aguilar ließ die Zwischentöne klingen, Müller zeigte Kraft, Witz und Dramatik. Pierre-Laurent Aimard nannte Kurtágs Kompositionen „Vorschläge auf Papier“. Wie sie mit Leben zu erfüllen sind, das ist eine, oft höchst abstrakte, Gedankenarbeit, die der Interpret zu leisten hat. Aber das Ergebnis kann ebenso Geschichten erzählen und zu Herzen gehen wie jede romantische Träumerei. Eine Lehre dieses Abends, denn ein gutes Education-Projekt bildet nicht allein die Teilnehmer, sondern immer auch das Publikum.

Quelle: wa.de

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