Picasso-Museum Münster zeigt „Die Impressionisten in der Normandie“

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Gustave Courbet „Seestück, Sturm“ (1871).

MÜNSTER Die Hotels sind nicht zu sehen. Claude Monet hat sein Gemälde „Boote am Strand von Étretat“ 1883 zu einem Fischeridylle stilisiert. Das gab die Bucht in der Normandie aber eigentlich nicht mehr her. Seit 1840 waren die Bahngleise von Paris bis an die Küste verlegt worden. Die Region westlich von Paris erlebte frühe Formen des Massentourismus. Die Menschen entdeckten Wasser und Strand.

Und Monet hatte seinen Galeristen im Ohr, der sagte, nur mit Booten kann ich deine Bilder verkaufen. Monet wählte also einen Bildausschnitt, grundierte die Leinwand in Weiß, bewegte den Pinsel kurz wie schwungvoll, skizzenhaft und säumte das Ufer mit Booten, von denen drei bereits mit Rieddächern bestückt waren – für den Winter. Claude Monet reiste meist im Oktober in die Normandie. Die Touristen waren nicht mehr da.

Mit der Ausstellung „Die Impressionisten in der Normandie“ zeigt das Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster ein Stück Kunstgeschichte. Nicht nur Barbizon bei Paris war ein Ort für Freiluftmalerei, ebenso zog es Künstler wie Monet, Sisley, Renoir, Pissarro an die schroffen Gestade nach Pourville, Étretat, Trouville und Deauville. Das Museum, das eine Schau mit erstmals 80 Gemälden präsentiert, breitet die Sammlung „Peindre en Normandie“ aus Caen allein mit 60 Werken aus. Münster ist die erste deutsche Station für diese meist kleinformatigen Bilder. Alain Tapié, Mitbegründer der Sammlung und Kurator, sagt in Münster, was den Impressionismus ausmacht: „Die Brechung des Lichts und der Farben in einem bewegten Medium.“ Die hinreißende Schau umfasst die Pleinairisten der 1840er Jahre und reicht bis zur Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts.

In Münster wird auch mit einigen Klischees aufgeräumt. Schnell ließen sich Bilder im Freien nicht malen. Regen und Wind waren an der Küste unberechenbar. Claude Monet ließ einen Bauern, der dem Alkohol zugewandt war, meist sechs seiner Bilder in einem Karren ziehen, um auf Wetterkapriolen reagieren zu können. Dass die Freiluftmalerei nach der ersten großen Ausstellung 1874 in Paris mit 57 Impressionisten ein festes Image brauchte, um der bösartigen Kritik zu begegnen („Das sind doch keine fertigen Bilder!“), wusste auch Monet, und behauptete seinerzeit, dass er gar kein Atelier hätte. Tatsächlich retuschierten die Impressionisten die malerischen Entwürfe auf ihren Leinwänden im Atelier und komplettieren den Natureindruck aus ihrem visuellen Gedächtnis.

Auch Gustave Courbet ließ sich nicht vom Naturerlebnis überwältigen, als er sein „Seestück, Sturm“ 1871 malte. Vielmehr reagierte er auf die Fotografie einer Welle, die in Paris Furore machte, und stellte dieser Fotoansicht seine ungemein pastose Malerei entgegen. Er war mit einem eher monströsen Bild und seinen Varianten erfolgreich, die wenig Wirklichkeit vermittelten. Courbet, der große Realist, hatte sein „Seestück“ in Paris gemalt. Er war in der Normandie krank geworden. Die Küste, die er besucht hatte, wies gar keine Felsformen aus. Und ein Segelschiff kann nicht so auf einer Welle stehen wie in Courbets Bild. Was kümmerte ihn die Natur, wenn er ein besseres Bildkonzept hatte? Außerdem forderte der Kunstmarkt immer mehr Landschaften.

Die Ausstellung in Münster hält aber auch wunderbar die Anfänge vor. Als die Pleinair-Maler Eugène Boudin und Johan Barthold Jongkind das Atmosphärische der Küstenlandschaft einfingen. Als Paul Huet seine Burgansicht (1857) als Ruine wie in der Romantik platzierte und darüber einen impressionistischen Himmel in großen Schwüngen bewegte. Erstaunlich auch Eugène Le Poittevins Gemälde „Baden bei Étretat“ (um 1858). Figuren und Strand werden altmeisterlich ausgeführt. Aber die Badegesellschaft ist ungeordnet, Damen treiben genüsslich im Wasser, Guy de Maupassant macht einen Kopfsprung. Nichts fürs damalige Sittenverständnis.

Jean-Baptiste Camille Corots „Dorfstraße in der Normandie“ (um 1865) zieht kompakte Gebäudeflächen, zittrige Bäume und geduckte Frauen zu einer heimelig-düsteren Ansicht in braun und beige zusammen. Er galt Charles Baudelaire als „Schuloberhaupt der modernen Landschaftsmalerei“. Sein „Strand in der Normandie“ (1872-74) zeigt winzige Menschen vom klassischen Standpunkt her in einer Bucht, wo Himmel und Meer in Grau und Blau korrespondieren.

Der Impressionismus verband Maltradition mit Moderne. Claude Monet belegt im letzten Teil der Schau („Die Ästhetik“) mit seinem „Blick über Rouen“ (1892), dass sich das Licht aus der Natur zu einem farbigen Gewölk über eine Stadt legen lässt. Es ist eine dunstige reinerFarbatmosphäre entstanden – beinah abstrakt. Es gibt wieder ein besseres Bildkonzept.

Die Schau

Ein Muss für Fans des Impressionismus. Der Malstil wird in all seinen Facetten präsentiert.

Die Impressionisten in der Normandie im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster.

Bis 21.1.2018; mo-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 20 Uhr;

Tel. 0251/ 414 47 10;

www.picassomuseum.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 26,90 Euro

Quelle: wa.de

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