Das Picasso-Museum Münster stellt den Fotografen Willy Ronis vor

Ein Klassiker der französischen Fotografie: Der „Provencalische Akt“ (1949) von Willy Ronis ist im Picasso-Museum zu sehen. - Fotos: ©Succession Willy Ronis, Diffusion Agence Rapho

Von Ralf Stiftel Münster - Es gibt ein Frankreich, das haben die großen Fotografen in unsere Erinnerung gebracht. Da läuft dann der kleine Pariser Junge mit dem Baguette unterm Arm über den Bürgersteig. Oder ein Liebespaar steht auf der Bastille und steckt vor dem Panorama von Paris die Köpfe zusammen. Und ein Herr mit Baskenmütze wirft schwungvoll die Petanque-Kugel.

Solche Bilder, selbstverständlich in Schwarz-Weiß, schufen die ganz Großen: Henri Cartier-Bresson, Robert Doisneau, Brassai. Und Willy Ronis, dessen Motive man hierzulande besser kennt als seinen Namen. Das Picasso-Museum in Münster widmet ihm eine hinreißende Retrospektive.

Die Schau, von Museumsdirektor Markus Müller kuratiert, bietet mit 80 Aufnahmen einen Querschnitt durch das Schaffen von Ronis. Wobei die Auswahl, wie Müller betont, lückenhaft sein muss. Der Nachlass, den der Fotograf dem französischen Staat überließ, umfasst 95 000 Aufnahmen und Negative. Unter anderem ging er 1960 auf Reportagetour in die DDR. Aber Müller wählte aus, was hier vor allem interessiert: den Chronistenblick auf Frankreich zwischen den 1930er und 1970er Jahren.

Ronis (1910–2009) war ein Kind ukrainischer Juden, die vor den Verfolgungen im Osten geflohen waren. Sein Vater arbeitete schon als Fotograf. Willy half im Atelier aus. Später wurde er Fotoreporter. Er politisierte sich früh, wurde, wie Picasso, Mitglied der Kommunistischen Partei. Zu den frühesten Aufnahmen der Ausstellung gehören dramatische Eindrücke eines Streiks bei Citroën-Javel und Ansichten von Kundgebungen der Volksfront. Und am 8. Mai 1945 fotografierte er amerikanische GIs Arm in Arm mit eleganten Französinnen, die US-Flagge wird geschwenkt zum „Tag des Sieges“.

Ronis gab sich immer bescheiden. Über seine Arbeit sagte er einmal: „Ich verhandle mit dem Zufall.“ Aber er war ein überaus reflektierter Künstler, der über die Fotografie auch schrieb und in den 1970er Jahren Lehraufträge an Universitäten in Avignon und Marseille erhielt. Er verfolgte die Theorie der „Prävisualisierung“, der zufolge der Fotograf das Motiv sozusagen fertig im Kopf hat und nur auf den Moment wartet, in dem die Wirklichkeit es ihm liefert. Eine Aufnahme zeigt die Beine einer Frau, die über eine Pfütze springt (Place Vendôme, 1947). Ein ähnliches Motiv hatte Cartier-Bresson schon 1932 abgelichtet. Ronis legte sich auf die Lauer, weil er wusste, dass die Arbeiterinnen in den Nähateliers um den Place Vendôme in der Mittagspause kommen würden – und wohl eine über die Pfütze springen würde.

Bekannt wurde Ronis aber als Chronist der kleinen Leute in der Vorstadt. 1954 erschien sein Bildband „Belleville-Ménilmontant“, in dem er das Leben der Bewohner eines Arbeiterviertels von Paris dokumentiert. Es ist eine Welt der engen Straßen, über denen oft ein Dunstschleier liegt. Schwer schleppt der Glaser an den Scheiben, die er allein auf dem Rücken trägt (1948). Keine Spur von Großstadtflair umgibt das Liebespaar, dessen Silhouette Ronis vor dem Lokal „Chez Mestre“ aufnahm (1947). Und die Kartenspieler im Café tragen alle ihre Hüte (1948).

Die Schau ist in sechs Kapitel wie „Kinder“, „Akte“, „Provence“ und „Mein Paris“ gegliedert. Aber die Vielfalt von Ronis’ Themen lässt sich da nur andeuten. Eine der bekanntesten Aufnahmen des Künstlers entstand in dem Anwesen, das er in der provence erwarb, der „provencalische Akt“. Das Bild zeigt seine Frau an einem Waschbecken in einem archaischen Bau – fast wie in einem altmeisterlichen Gemälde.

Vor allem aber war Ronis ein begnadeter Flaneur, einer, der durch die Straßen lief und das Leben belauschte. So entstanden Aufnahmen voller Lebensfreude wie die vom Mann und der älteren Dame, die an den Champs-Élysées inmitten eines gewaltigen Taubenschwarms stehen. Oder der Blick von der nächtlichen Straße ins zünftige Café an der Rue du Cygne.

Ergänzend zeigt das Haus auch Picasso, Werke aus eigenem Besitz unter dem Motto: „Was ich Picasso schon immer sagen wollte“. Da gibt es Porträts, Atelier- und Stierkampfszenen, und dazu Zitate. Hans Magnus Enzensberger nennt den Künstler ein Monster, Jackson Pollock lobt das Gespür für die Moderne. Und Fernando Botero meint über den Kollegen: „Keiner malte so viele schlechte Bilder in seinem Leben – um aber solche Sternstunden zu haben wie er, mussten dazwischen immer wieder viele Fehler gemacht werden.“

Willy Ronis – eine Retrospektive

im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster. Bis 1.9., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0251/ 414 47 10,

www.picassomuseum.de

Katalog, Kehrer Verlag, Heidelberg, 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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