Der Pianist Fazil Say im Konzerthaus Dortmund

Spielt mit Körpereinsatz: Fazil Say ▪

DORTMUND - Als Hüter der reinen Lehre ist Fazil Say wahrlich nicht bekannt. Er ist einer, der seinen eigenen Vorstellungen folgt. Im Konzerthaus Dortmund hat er jetzt ein Programm gespielt, das seine Stärken, aber auch seine Schwächen offenlegte.

Von Edda Breski

Wollte man dem Abend, der einen Bogen durch Says Albumveröffentlichungen der vergangenen Jahre zog, ein Motto geben, so wäre man mit Gegensatzpaaren am besten bedient.

Formstrenge fehlt der B-Dur Sonate von Sergej Prokofjew. Aber da, wie gesagt, Puristen bei Fazil Say ohnehin verloren sind, lohnt es, sich beim Hören dieses Werkes, das Say im letzten Jahr im Studio eingespielt hat, auf das Feuer zu konzentrieren, mit dem er die Mechanik des ersten und dritten Satzes auf Touren bringt. Der Rhythmus treibt, der Umgang mit den Themen wirkt improvisiert. Die Abwärtsläufe im Kopfsatz sind reiner Rock‘n‘Roll. Im zweiten Satz sorgen die unerbittlich durchgeschlagenen Takte dafür, dass das Andante grandios verquält wirkt – aber eben auch ruppig. Die Toccata ist Percussion mit Händen und Füßen; denn Say spielt wie immer mit dem ganzen Körper. Wenn er mit der linken Hand die Tasten anschlägt, klatschen seine Schuhsohlen auf den Boden. Und er singt. Als Zugabe wird er später seine eigene Bearbeitung von Gershwins „Summertime“ spielen, den Tönen nachlauschen, wenn sich das Thema in einer Schleife verfängt und gegen einen Diskantakkord stolpert.

Sanglich, beinahe harmlos und ziemlich wolkig beginnt Janaceks Sonata „1. X. 1905“. Say tritt großzügig aufs Pedal. Mit dem zweiten Thema des ersten Satzes geht er konfrontativ um, er schichtet Akkorde. Der zweite Satz beginnt etwas spannender: Die Figuren schweben auf und landen abrupt wieder auf dem Boden der Tatsachen. Der Rhythmus verstolpert sich. Der Klang bleibt wattig. Ähnlich zwiespältig klingen Auszüge aus Bernd Alois Zimmermanns „Enchridion“: zwischen Akkordschlaggewitter und Nachlauschen.

Haydns Andante con variazioni ist auch so ein Lehrstück in Sachen Fazil Say: die beiden Themen in f-moll und F-Dur lernen das Springen. Ein aprilhaftes Stück.

Unter dem Motto „Wie der Swing auf den russischen Jahrmarkt kam“ lässt sich Says eigene Fassung für Klavier solo von Strawinskys Ballett „Petruschka“ hören. Say saust durch die drei Sätze, schichtet Akkorde, türmt sie zu dräuender Klangmacht. Er hat die Textur Strawinskys verdichtet, die Themen implodieren. Ein Wiegenlied schält sich kurz und harmlos heraus; ein toller Effekt. Darunter liegen die Rhythmen, erst eindeutig Strawinsky zuzuordnend, dann synkopiert, swingend, schillernd. Say als eigenwilliger Rhythmiker, als Rhapsodiker  – da ist er ganz groß. Das Russische in der Musik löst sich auf, denn was Fazil Say macht, ist im Grunde seine eigene Weltmusik: voll Synkretismen, sprunghafter Rhythmik, Witz und Schwermut und fremder, reicher Texturen.

Quelle: wa.de

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