Philippe Jaroussky und L‘arpeggiata in Duisburg

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am Session zwischen Barock und Blues: Countertenor Philippe Jaroussky (links), die Harfenistin Deborah Henson-Conant und das Ensemble L‘arpeggiata in Duisburg. ▪

Von Edda Breski ▪ DUISBURG–Alles ist Spiel: „Amo – ich bin ein Liebender“ war bei der Ruhrtriennale als Abend mit Philippe Jaroussky angekündigt; in der Duisburger Gebläsehalle war der Countertenor primus inter pares, fügte sich ein in ein Konzert, das auf eine Reise durch musikalische Welten entführte, lustvoll tonale Wahlverwandtschaften erkundete und nachspürte, wie Entwicklungen zusammenhängen. Fern von jedem Eklektizismus.

Jaroussky singt Monteverdi, Melli und das feurige „Eraclito amoroso“ der Venezianerin Barbara Strozzi (1619-1677). Der Franzose nutzt in den Kastratenrollen alle Gestaltungsmöglichkeiten seiner besonderen Stimmlage, bricht das reine, kindliche Timbre des Counters durch Hauchen und Gurren. Exaltiert wirkt das keinen Augenblick.

Das ausgezeichnete Ensemble „L‘arpeggiata“ unter Christina Pluhar begleitet mit Feingefühl und Selbstbewusstsein. Eine Demonstration in Abstimmung und Aufeinanderhören. Zwiegesänge zwischen Gesangs- und Instrumentalstimme, bei denen sich der Zinkenist Doron Sherwin hervortut. Der Zink ist ein spätmittelalterliches Griffhorn. Sherwin ist ein Virtuose in den zeitgenössischen Kompositionen ebenso wie in moderneren Partien. Später wird er das Instrument spielen wie weiland Louis Armstrong seine Trompete. Eine lustvolle Jam Session über Jahrhunderte hinweg.

Die Tänzerin Anna Dego betritt die Bühne, biegt und dreht sich zur „Follia“ und taumelt zur „Tarantella“ – der Volksglaube sagt, dass wer von einer Vogelspinne, einer Tarantel, gebissen wurde, tanzen muss, bis er zusammenbricht, um das Gift auszutreiben. Übergangslos leitet „L‘arpeggiata“ von Marcello Vitales „Tarantella a Maria di Nardo“ über, präludiert zu Monteverdis „Si dolce e‘l tormento“, von Jaroussky exquisit gesungen. Auf die Werbung um die Geliebte aus dem 17. Jahrhundert folgt ein Fandango aus dem 18. Jahrhundert, eine Komposition von Antonio Soler, bearbeitet von Christina Pluhar: Die lebhaften Akkordschläge wechseln sich ab mit reizvollen Instrumentenkombinationen; ein Duett von Harfe und Psalterion; ein Solo des Zinkenisten, zart schattiert. Lincoln Amada an der paraguayischen Harfe und Quito Gato an der Gitarre spielen Lieder und Tänze aus Lateinamerika.

Zwischen der engelhaften Stimme Jarousskys und dem mal ätherischen, mal derben Spiel von „L‘arpeggiata“ erdet die Stimme der Italienerin Lucilla Galeazzi. Zwischen Volkslied und Schlager bewegt sie sich mit ihrer dunklen, in der Höhe leicht nasalen Stimme. Sie singt andalusische Kadenzen in der „Cantata sopra la passacaglia“ von Luigi Pozzi. Die Improvisation „Turluru“ ist ein Ehestreit in Tönen, ein hitziger Disput zwischen Sängerin und Klarinette. Geschrieben hat das Gianluigi Trovesi, der mit seinem Instrument die Sängerin umschmeichelt und verspottet zugleich. Galeazzi gibt die wütende Ehefrau – da wird es der Klarinette zu bunt, sie zankt mit schrillen Glissandi. Ein großer Spaß.

Ebenfalls von Trovesi stammt die Komposition „Animali in marcia“, ein bunter Marsch, auf dem die Instrumente Tierstimmen imitieren, Lucilla Galeazzi und die amerikanische Harfenistin Deborah Henson-Conant sich im Scatgesang Silben um die Ohren feuern und Jaroussky als Hahn in die Manege gockelt. Soviel Selbstironie ist selten im Klassikbetrieb.

Bis in die drei Zugaben jagen sich die Späße: eine Ray-Charles-Imitation des Zinkenisten Sherwin, eine Swing-Version von Monteverdis „Ohime, ch‘io cadro“, eine Improvisation über Händels „Halleluja“-Thema, nahtlos überleitend in eine Bluesrocknummer mit der überdrehten Henson-Conant an der E-Harfe. Ein Countertenor, eine Tänzerin und eine Folksängerin als drei tanzende Grazien, mit Ray-Charles-Brillen auf der Nase. Was für ein Witz, was für eine überschäumende Spielfreude. Und nicht für einen Moment geben sie ihre Ernsthaftigkeit als Musiker auf oder den Respekt vor den Komponisten. Was für ein Abend.

Quelle: wa.de

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