Philip Kerrs Fußball-Krimi „Wintertransfer“

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Kennt sich mit Fußball aus: Krimi-Autor Philip Kerr.

Die letzten Illusionen über das schöne Spiel hat Scott Manson verloren. Besonders wenn er die jungen Kicker sieht: „Ich kenne Fußballer, die sich weigerten, am Kopfballtraining teilzunehmen, weil sie am Nachmittag ein Shooting für Haarshampoo hatten.“

Der Co-Trainer von London City (Platz 9 in der Premier League) ist noch einer der alten Schule. Und doch gibt er alles für seinen Verein, deckt kleine und größere Sünden seines Chefs Joao Zarco und fiebert doch jedes Mal vor dem Anpfiff. Beim Spiel gegen Newcastle fehlt der Trainer. Er wird später tot aufgefunden. Manson soll nicht nur der Nachfolger des „Zauberers aus Portugal“ werden. Er soll auch noch den Mord aufklären. Denn eins mögen Fußballclubs nicht: Wenn Polizisten und Reporter in ihren Angelegenheiten herumschnüffeln.

Scott Manson ist der Held in Philip Kerrs Roman „Der Wintertransfer“. Der 1956 im schottischen Edinburgh geborene Autor gehört zu den Stars der Krimiszene, vor allem seine Reihe um Bernhard Gunther, den Privatdetektiv im Berlin der 1930er Jahre, trug ihm mehrere Preise ein.

Nun ein Mordfall im Fußballer-Milieu. Manson hat eine Vorgeschichte, er wurde zu Unrecht für eine Vergewaltigung verurteilt, weshalb er der Polizei mit guten Gründen kritisch gegenübersteht. Kerr erfindet einen Lebenslauf voll klingender Namen, lässt ihn bei Pep Guardiola hospitieren und bei Jupp Heynckes assistieren, ehe er nun bei London City ist. Der Verein gehört einem Milliardär aus der Ukraine, der allerlei Nebengeschäfte laufen hat. Der Leser bekommt Mordmotive geliefert, eins schöner als das andere, sei es, dass Zarco einen Sponsor vergraulte, sei es, dass er illegale Absprachen mit einem Spielerberater hatte, sei es, dass er die verheiratete Akupunkteurin des Vereins flachlegte, sei es, dass er Spieler mobbte.

Man merkt, dass Kerr Kenner und Fan ist. Den Verein London City hat er natürlich ausgedacht. Aber er bettet alles so liebevoll in die Realität der Premier League, dass man es glauben möchte. So hat gleich am Anfang der Torwart von City einen Unfall, der dem von Petr Cech nachempfunden ist. Wenn Kerr einen schmutzigen Psychotrick vor einem Match beschreibt und Fangesänge, wenn er ein deutsches Talent namens Christoph Bündchen (der für „gerade mal vier Millionen Pfund“ vom FC Augsburg kam) als schwul outet, wenn er den Leser in die Kabine mitnimmt und vor die Kameras des Bezahl-Fernseh-Senders, dann ist das wunderbar stimmig. Und seine Spielberichte: „In einer einzigartig eleganten Pirouette lenkt der junge Belgier den Ball mit rechts um Chambers herum und holt ihn hinter dem Verteidiger wieder ab. Gleichzeitig blockiert er den Gegenspieler mit Oberarm und Hüfte, und dann steht er dem armen Torwart gegenüber, tunnelt ihn mit der linken Fußspitze und schiebt den Ball eiskalt in die lange Ecke.“

Noch schöner: Kerr erlaubt sich Scherze mit Hochkultur, erwähnt einen Maler wie Jonathan Yeo und gönnt sich einen kleinen Gastauftritt als „Ghostwriter Phil Kerr“, fast wie Hitchcock. Und dann spielt der Autor auch noch, am Rande eines heimlich ausgehobenen Grabs auf dem Rasen des Stadions „Crown of Thorns“, mit Yorrick, einerseits der tote Narr am Hofe Hamlets, andererseits Terry Yorrick, „defensiver Mittelfeldspieler bei Leeds United.“

Selbst ohne den Mord wäre das spannend. Kerrs Buch hat das Zeug, nicht nur Fans zu unterhalten, sondern auch Fußballmuffeln den Reiz des Spiels nahezubringen. Was will man mehr?

Philip Kerr: Der Wintertransfer. Deutsch von Axel Merz. Tropen Verlag bei Klett Cotta, Stuttgart. 425 S., 14,95 Euro

Quelle: wa.de

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