Phil Hogans neuer Thriller

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Phil Hogan

Von Ralf Stiftel - Der unauffällige Mr. Heming geht nicht einfach vorüber, wenn ein Unrecht geschieht. Und sei es, dass ein Mann den Haufen seines Hundes einfach mitten auf dem Gehweg liegen lässt und einen freundlichen Hinweis als Einmischung eines „kleinkarierten Spießers“ abtut. Da übernimmt Mr. Heming Verantwortung. Er besorgt sich aus dem Abfall eine Pizzaschachtel.

Er nimmt die „akkurat geformte, dampfende Spirale“, fährt zum Haus des Kerls und deponiert den Kot auf dem Wohnzimmerteppich. Wie kommt er ins Haus? Er hat einen Schlüssel. Mr. Heming ist Makler. Und er besitzt Nachschlüssel zu allen Häusern, die er vermittelt hat.

Dieser natürlich illegale Akt der Gerechtigkeit verschafft dem Helden aus Phil Hogans Roman „Die seltsame Berufung des Mr. Heming“ sofort die klammheimliche Zuneigung des Lesers. Der Inhaber eines Maklerbüros, der von seiner ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigung erzählt, führt sich als vernünftiger, einfallsreicher Kümmerer ein. Dieser Mann gewinnt Herzen. Und wenn er erst seine ethischen Prinzipien darstellt, wirkt er nachgerade vorbildlich: „Ich bin kein Spanner, kein Voyeur. Ich teile einfach Erfahrungen mit anderen Menschen, habe teil an ihrem Leben, während es abläuft. Betrachten Sie mich als Ihren unsichtbaren Bruder, Onkel oder Freund. Ich bereite Ihnen keine Schwierigkeiten. Vielleicht bin ich da, wenn Sie zu Hause sind, vielleicht auch, wenn Sie gerade außer Haus sind, aber am wahrscheinlichsten bin ich gerade da gewesen, kurz bevor Sie nach Hause kommen.“

Und da wird Mr. Heming dem Leser schon unheimlich. Der Makler, der daheim eine Sammlung Nachschlüssel zu ziemlich vielen Häusern der Stadt hat und die auch gern benutzt, ist natürlich das, was er auf keinen Fall sein will: ein Soziopath. Der Autor sorgt dafür, dass sich dieser Schleicher unsere Sympathien erplaudert, weil er uns zu seinen Mitwissern macht. Und wir erfahren allerlei über die speziellen Tricks von einem, der gern an fremden Leben teilhat. Dass er kein Rasierwasser benutzt, um nicht in Erinnerung zu bleiben. Dass er eine bescheidene Mietwohnung hat, die nicht mit ihm in Verbindung zu bringen ist. Es ist ihm wichtig, „alle Spuren meiner materiellen Existenz in zwei Koffer packen und in einer halben Stunde abreisen zu können“. Zugleich gesteht er freimütig seine Ticks, zum Beispiel, dass er stets eine Kleinigkeit aus dem Kühlschrank einer fremden Wohnung isst, dass er sein Zeichen an verborgener Stelle hinterlässt. Wenn er berichtet, dass er seinen unfreiwilligen Gastgebern sogar hilft, eine Glühbirne wechselt oder eine vergessene Herdplatte ausschaltet, dann wirkt er fast wie eine Inkarnation von Google oder Amazon. Die Konzerne versprechen ja auch großen Nutzen, wenn wir sie nur in unser Leben lassen.

Wenn einer seine Leidenschaft so konsequent auslebt, dann bleibt es nicht bei banalen Racheakten für Hunde-Tretminen. Heming verstrickt sich in eine Liebes- und Eifersuchtsaffäre. Ein Mensch stirbt, und er bleibt nicht der einzige. Und schon eilt Mr. Heming durch seine kleine Stadt, um die Polizei abzuschütteln, Mitwisser auszuschalten und seine Tarnung aufrecht erhalten zu können.

In Rückblenden erfahren wir zudem, wie Mr. Heming zu dem geworden ist, der er ist. Die üblichen Umstände einer schweren Kindheit, früher Tod der geliebten Mutter, eine Affäre des Vaters schon als sie noch lebte. Erklärt ihn das? Nein. Die Auffälligkeiten schon beim kleinen William wirkten dadurch eher noch verstörender, wäre da nicht der etwas umständliche, verbindliche Ton, in dem Mr. Heming sich offenbart.

Phil Hogan, seit mehr als 20 Jahren Journalist beim Observer, legt einen Thriller vor, dessen kriminalistische Seite man erst nach und nach entdeckt. Und er führt uns seinen Helden mit jenem trockenen, makabren Humor vor, der Briten offenbar in den Genen steckt. Nach der Lektüre erwischt man sich vielleicht dabei, dass man sich umschaut nach einem unauffälligen Herrn im Tweedjackett, der gerade ein Opernglas aus der Tasche zieht.

Phil Hogan: Die seltsame Berufung des Mr. Heming. Deutsch von Alexander Wagner. Kein & Aber Verlag, Zürich. 367 S., 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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