Petra Wenzel und Werner Lippert zeigen letzte Fotoschau im NRW-Forum

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Ein moderner Klassiker: Paul Outerbridges surreales Stillleben „Images de Deauville“ (um 1936).

Von Ralf Stiftel DÜSSELDORF - Sie hätten durchaus noch Pläne gehabt für das NRW-Forum Kultur und Wirtschaft. Das unterstreichen Petra Wenzel und Werner Lippert im Untertitel zu ihrer Abschiedsausstellung „Fotos A – Z“: „Fotografen, die wir schon gezeigt haben, und solche, die wir immer schon gerne gezeigt hätten“. Aber es soll nicht sein. Nach 15 Jahren verlassen sie das Ausstellungshaus, das sie gegründet haben. Das Land hat im Rahmen seiner Sparpolitik den Jahreszuschuss von 650 000 Euro gestrichen, zwei Drittel der öffentlichen Mittel. Nun gehen Wenzel und Lippert.

Sie verabschieden sich mit einer Schau, die resümiert und zugleich, so Lippert, Leerstellen in den bisherigen rund 50 Fotoausstellungen zeigt. Die Kuratoren haben ein klares Konzept verfolgt, wie „Foto A–Z“ noch einmal überzeugend belegt. Sie erkundeten die Randgebiete des Genres, zeigten, wo die Fotografie ihr Arbeitsfeld erweitert. Das war und ist ebenso an- wie aufregend. Schon ihre erste Schau mit Peter Lindbergh 1998 erregte Anstoß. Viele Kritiker damals fanden, ein Modefotograf gehöre nicht ins Museum. Mittlerweile sind Lindbergh, aber auch Kollegen wie Helmut Newton und Guy Bourdin längst etabliert.

Aber das NRW-Forum zeigte auch anderes: In der Ausstellung „(Tat)Orte“ zum Beispiel moderne Unfall- und Verbrechensfotografie in der Tradition eines Weegee. Oder die provokanten Entblößungen eines Robert Mapplethorpe und einer Bettina Reims.

Nun also ein Alphabet, das nur wenige Buchstaben auslässt, das wieder Brücken schlägt. Da hängen die Aufnahmen Nan Goldins von einem blutbespritzten Schlafzimmer in einem besetzten Haus und einem masturbierenden Mann gegenüber einer Strecke von Hochglanzinszenierungen von Inez van Lamsweerde. Guy Bourdin versteckt in seinen Modeaufnahmen für Charles Jourdan geradezu die rosa Schuhe in einer fiktiven nächtlichen Tatortszene. In die Halbwelt ging der US-Fotograf Philip-Lorca Dicorcia mit seinen Porträts von männlichen Prostituierten, denen er für ein Porträt das zahlte, was sie für erotische Dienste erhalten. Die Summe ist im Bildtitel notiert.

Die Schau ist alles andere als gefällig. Auch über die Strecke übermalter Bondage-Szenen des Japaners Nobuyoshi Araki ließe sich streiten: Sind die Aufnahmen einer gefesselten Nackten Kunst oder Porno? Wenzel und Lippert gehen an die Grenzen, sind extrem subjektiv, aber eben nicht langweilig. Und sie sind entdeckungsfreudig. Wie gut vernetzt die Kuratoren sind, zeigt ihre Abschiedsschau. So zeigen sie einen Klassiker wie Charles Jones mit monumentalen Nahaufnahmen von Wurzelgemüse (um 1900). Das Museum of Fine Arts in Houston lieh Abzüge von Paul Outerbridge aus, darunter das surreale Stillleben „Images de Deauville“ (um 1936).

Sie zeigen vis à vis zwei Strecken, in denen der Fotograf sich selbst inszeniert. Zum einen die frühe Serie „Murder Mystery People“ (1976), in der Cindy Sherman das komplette Personal eines erfundenen Kriminalfilms verkörpert. Gegenüber hängen Aufnahmen des holländischen Promifotografen Anton Corbijn: 2002 posierte er in der Maske verstorbener Popstars von Janis Joplin bis Frank Zappa. Der fiktive Charakter der Aufnahmen schimmert durch: „Freddie Mercury“ steht vor dem dörflichen Kapsalon (Friseur).

Thomas Ruff ist mit eher frühen Porträts vertreten, die noch nicht für die museale Präsentation konzipiert sind. Von Wolfgang Tillmans sind monumentale „Freischwimmer“-Abstraktionen ausgestellt. Nick Knight stellte Abzüge von Pflanzenaufnahmen zur Verfügung, malerische Blätter wie aus dem Herbarium. Joel Sternfeld beteiligte sich mit iphone-Aufnahmen aus Dubai. Lippert fragt, wie die Digitaltechnik die Fotografie verändert.

Was wird aus dem NRW-Forum? Im Oktober eröffnet das aktuelle Team seine allerletzte Schau zum Thema Design. Die Stadt Düsseldorf ist bereit, ihren Zuschuss zu erhöhen. Aber das verlorene Geld des Landes wird sie nicht ausgleichen können. Ein privater Sponsor könnte einspringen, aber wer sollte das sein? Hoch gehandelt, aber nirgends bestätigt wird die Möglichkeit, dass das benachbarte Museum Kunstpalast das Forum übernimmt, das eigene Fotobestände hat. Das allerdings ginge auch nicht ohne zusätzliche Mittel.

Foto A–Z. Fotografen, die wir schon gezeigt haben, und solche, die wir immer schon gerne gezeigt hätten im NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, Düsseldorf. Bis 5.1.2014, di – so 11 – 20, fr bis 24 Uhr, Tel. 0211/ 89 266 90, www.nrw-forum.de;

Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

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