Petra Afonin mit „Es ist nie genug“ am Prinz Regent Theater Bochum

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Petra Afonin, Mitgründerin des Prinz Regent Theaters Bochum, tritt dort mit einem Chanson- und Theaterabend auf.

Von Carmen Möller-Sendler BOCHUM - Den Lebensabend, von dem die Eltern reden? Den stellt sich das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen so vor: Da sitzen Oma und Opa nach einem arbeitsreichen, erfüllten Leben am toll gedeckten Abendbrottisch und lassen sich’s gut gehen. Müssen nichts mehr tun, dürfen genießen und sich alle Zeit der Welt lassen. So wie Feierabend eben.

Die Wirklichkeit, das merkt man beim Größerwerden, sieht anders aus. Der Kinderglaube ist schnell verpufft. Eines Tages steht man da als nicht mehr junger Mensch, der sich um seine greisen Eltern zu kümmern hat. Ddiese Lebensphase lotet die Sängerin und Autorin Petra Afonin aus mit ihrem Chansonprogramm „Es ist nie genug“, das im Bochumer Prinz Regent Theater zu sehen ist. Es ist nie genug, was das alte Kind für seine Eltern tut: Die Schuld bleibt. Man sitzt zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite die, die „Helfersyndrom!“ lamentieren, „du übernimmst dich, tu mal was für dich!“ und auf der anderen Seite der kranke Mensch: „Wann kommst du wieder, ich bin so allein!“

Man kennt das, man muss das eigentlich nicht noch extra aufgetischt bekommen – und trotzdem ist dieser Abend genau der richtige für alle, die zwischen den Stühlen sitzen. Weil er so unglaublich gut tut. Weil man sich verstanden fühlt, erkannt und getröstet. Klar geht es allen so. Auf die eine oder andere Weise. Und weil es Petra Afonin wie keine andere versteht, in ihrem Mix aus Lesung und Chanson die warmen, menschlichen Zwischentöne ebenso wie die nackte Verzweiflung, den trotzigen Galgenhumor und die tiefschwarzen Abgründe nebeneinander aufmarschieren und da einfach stehen zu lassen in all ihrer Widersprüchlichkeit.

Afonins Texte vertont hat Susanne Hinkelbein, oft mit Melodien aus der Jugend der heute 80-jährigen Menschen. Simone Witt am Klavier spielt mit Genuss. Auch das Potpourri aus den zuckrigen Poesiealbumsprüchen, die die alte Töchtergeneration so anfällig macht für Schuld: „Sei stets deiner Eltern Freude, beglücke sie mit Fleiß“ oder: „Wenn du noch eine Mutter hast ... Sei wie das Veilchen im Moose...“

Lachen und Weinen liegen nah beisammen. Urkomisch das Einsingen auf Begriffe wie „Nasenschleimhautschwellungen“ und „Herzmuskelschwäche“. Das vertonte Formular zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit, wird zu einer kuriosen Symptomatik des Alters. Da ist der Hypochonder, dessen Frau dummerweise zuerst stirbt. Der 88-Jährige, dessen Tochter nach seinem Anklage-Monolog zum erstickenden Kopfkissen greift. Die Tochter, die Tagebuch-Briefe an ihre Mutter schreibt, seit diese dement ist: „Du kamst kaum vor in eurer Wohnung, Mutter. Vielleicht sollte ich davon lernen.“

Afonin steht der Hospizbewegung nahe, wie sie betont. Sie will mitreden, Verständnis schaffen und eine neue Art des Altwerdens. „Was wir alle gemeinsam haben, die wir als altes Kind alte Eltern begleiten: Wir fangen an, uns selbst zu beobachten. Da ist die Angst, pflegebedürftig zu sein, die Frage: Wie wird das bei mir sein?“

Ihre Antwort: Zuversicht, Selbstbestimmung, Würde und ein Glas Wein. Zur Premiere im Theater, das sie vor 24 Jahren mitbegründet hat, kamen ausschließlich Zuschauer jenseits der 50. Sie gingen getröstet.

6.,7.2., 20 Uhr, 8.2., 11.30 Uhr

Telefon 0234 / 77 11 17, www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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