Peter Carp inszeniert „Waisen“ und „Drei Schwestern“ in Oberhausen

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Verloren in der Provinz: Szene aus „Drei Schwestern“ in Oberhausen mit Anja Schweitzer, Manja Kuhl und Angela Falkenhan (von links). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Danny und Helen wollen einfach einen besonderen Abend genießen. Ein Dinner bei Kerzenlicht. Daraus wird nichts: Helens Bruder Liam platzt herein, und sein Hemd ist blutverschmiert. Und Liam erzählt. Viel. Von einem Verletzten, den er gefunden haben will. Leider entpuppen sich alle seine Versionen der Geschichte als Lügen.

Dennis Kellys Stück „Waisen“ handelt vom Zusammenhalt einer Familie, von Moral und Verantwortung. Wie weit geht man für den Schwager, der so offensichtlich einen schlimmen Fehler begangen hat? Ruft man die Polizei oder hilft man, ein Verbrechen zu vertuschen? Peter Carp, Intendant des Theaters Oberhausen, hat das Familiendrama des Londoner Autors als intensives Kammerspiel inszeniert. Parallel dazu hat Carp einen Klassiker von Anton Tschechow einstudiert, „Drei Schwestern“. Ein Bühnenbild und drei Darsteller, die an beiden Abenden auftreten, das bedeutet einen Kraftakt für ein kleines Haus wie Oberhausen, das unter der Dauerdrohung von Einsparungen und Schließung steht. Der Intendant demonstriert damit, welche Beweglichkeit in seinem Ensemble herrscht, was selbst unter widrigsten Umständen zu leisten ist. Und wenn auch die Koppelung der im Abstand von 100 Jahren entstandenen Stücke vor allem äußerlich bedingt ist, so zeigt Carp doch auch feine inhaltliche Parallelen.

Die drei Akteure aus Kellys Stück finden sich bei Tschechow auf die gleiche Art verbunden: Manja Kuhl und Henry Meyer als Ehepaar, hier als Helen und Danny, da als Mascha und Kulygin, Martin Hohner spielt den Bruder, einmal Liam, dann Andrej. In beiden Stücken sind die Eltern der Frau tot. Und es geht um den Zerfall alter Familienstrukturen. Es spricht für Carp, dass er davon nicht zu viel Aufhebens macht. Die Bezüge führen zu einem ästhetischen Aha-Effekt, aber darüber hinaus steht jeder Abend für sich.

Kellys Drama „Waisen“ funktioniert dabei auf eine direktere Art. Der 1970 geborene Autor wird derzeit von den deutschen Bühnen entdeckt, in Essen läuft sein früheres Stück „Osama der Held“, weil er sich mit Themen befasst, die derzeit Konjunktur haben, mit der Gewalt, die durch Armut und Integrationsprobleme entsteht. Auch Liam, der Underdog, hasst die „Araber“ in der Nachbarschaft, und sein einziger Kumpel sammelt Nazi-Abzeichen und Waffen. Stück für Stück zerbricht seine Geschichte darüber, wie das Blut auf sein Hemd kam. Der Autor zeigt auf bezwingende Weise, wie die drei Figuren der Kommunikation ausweichen, und die Darsteller in Oberhausen spielen das brillant.

Schon die unterdrückte Nervosität, mit der Martin Hohner als Liam über Helens Kleid spricht und die richtige Art, Reis zuzubereiten, und so gar nicht über das Offensichtliche, packt von Anfang an. Wie er all die „jas“ und „ähs“ und anderen Ausweichfloskeln mit Angst und Aggression auflädt, und wie er seine Geständnisse in stoßflutartige Redeausbrüche fasst, das ist überaus kunstvoll. Henry Meyer setzt dagegen seinen Danny als rationalen Kleinbürger, der seiner Stellung in der Gesellschaft vertraut. Natürlich sollte man die Polizei rufen – wäre da nicht der familiäre Druck. Überzeugend zeigt Meyer, wie seine Figur ungeahnte Abgründe in sich entdeckt und daran zerbricht. Manja Kuhl wiederum verkörpert ein Muttertier, das seinem Beschützerinstinkt für den Bruder folgt, egal, was er getan hat. Carps Inszenierung gönnt sich Momente einer bösen Heiterkeit – wenn zum Beispiel der dämliche Klingelton Liams Behauptung widerlegt, er habe sein Handy ausgeschaltet –, ohne dass die Spannung dieses dichten Kammerspiels nachlässt.

Am Abend drauf der moderne Klassiker, Tschechows Tragikomödie über die Schwestern, die sich so nach Moskau sehnen, und doch in ihrer Provinzexistenz in der Stadt mit 100 000 Einwohnern stecken bleiben. Es beginnt mit Irinas Namenstag, an dem sie sich an den Tod des Vaters erinnern, mit einem Rockschlager von Brings: „Superjeile Zick“. Die Nostalgie lässt die Boxen vibrieren. Irina (Angela Falkenhan) und Olga (Anja Schweitzer) tanzen wild, Mascha hüpft nur im Sessel. Die Bühne von Kaspar Zwimpfer, beim Kelly-Stück noch ein offener, weitgehend leerer Raum, wird hier mithilfe rollbarer hoher Module ständig verändert. Nun kommen die Soldaten, der attraktive, unglücklich verheiratete Werschinin (Jürgen Sarkiss), der sich in Mascha verliebt, die als einzige Schwester gebunden ist – an den tumben Lehrer Kulygin (Henry Meyer). Der korrekte Baron Tusenbach (Peter Waros), der vom eifersüchtigen Soljony (Martin Müller-Reisinger) im Duell getötet wird und den Irina nicht heiraten wird. Und natürlich Andrej, der Bruder (Martin Hohner), der nicht Professor in Moskau wird, sondern Verwaltungsbeamter in der Provinz, liiert mit Natalia (Nora Buzalka), die vom Mauerblümchen zur Haustyrannin mutiert, Affären hat, Kinder kriegt, alle Männer einspannt, um wieder Wände zu verschieben und das Haus neu einzurichten. Carp bringt Leben in das Schwestern-Haus mit lauter, manchmal nerviger Musik und einigen vordergründigen Effekten (warum muss der schwuchtelige Soljony auch noch fisteln?). Aber er findet auch Momente leiser Melancholie.

Schließlich eröffnet Natalia ein Call Center, in dem die drei Schwestern arbeiten. Arbeiten, wie sie es sich immer ausgemalt hatten, und doch ganz anders. Da verengt Carp Tschechows offenes Ende recht plakativ in ein Scheitern – und setzt sogar noch eins drauf mit Meyer als Kamelle schleuderndem Karnevalsprinz. Vorher aber passt er den Abgesang auf Stagnation und Provinzmief fein dem Standort des Hauses an.

Waisen 27.2., 12.3., 14.4., 13., 25.5.; Drei Schwestern 27.2., 11.3., 10.4., 8.6.,

Tel. 0208/ 8578 184

http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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