Peter Carp inszeniert „Kabale und Liebe“ als Missbrauchsdrama

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Fragwürdige Nähe: Szene aus „Kabale und Liebe“ in Oberhausen mit Ellen Céline Günther und Jürgen Sarkiss ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Der Stadtmusikant Miller ist hinter seine Tochter getreten. „Tu, was du willst!“ sagt er ihr. Und küsst sie auf den Hals wie ein Liebhaber, lange, zärtlich, fordernd. Die junge Frau verkrampft. Er nimmt ihr das Messer ab, das sie genommen hat, um sich zu töten, und stößt ihr damit gegen den Schoß. Ihre leere Hand führt er an seinen Unterleib und stöhnt. Dann erst reißt sie sich los.

So hat man Schillers bürgerliches Trauerspiel lange nicht gesehen. Intendant Peter Carp inszeniert am Theater Oberhausen „Kabale und Liebe“ auch als Missbrauchsgeschichte. Die Katastrophe ereignet sich, weil zwei Väter ihre Kinder zu sehr lieben. Das wiederum verhindert, dass die Kinder ihr gemeinsames Glück leben können – das bürgerliche Mädchen Luise und der adlige Major Ferdinand. Der Präsident von Walter will, dass sein Sohn in seine Fußstapfen tritt, eine erfolgreiche Hofkarriere macht. Darum soll er ja die Scheinehe mit der Mätresse des Herzogs eingehen. Miller hingegen hat ganz eigene Interessen, die die Inszenierung mal mehr, oft weniger dezent andeutet. Dann schmiegt sich die Tochter auf dem väterlichen Schoß an ihn, oder beide verschwinden in einem Beichtstuhl, der zum Millerschen Haushalt gehört (Bühnenbild: Caroline Forisch).

Schillers Drama ist Abiturstoff für 2014, darum spielen es die Bühnen landauf, landab. Da ist es durchaus lobenswert, wenn eine Inszenierung einen neuen Zugriff auf den Stoff sucht. Leider öffnet Carps Regieansatz das Stück nicht für ein neues Verständnis. Im Gegenteil. Wenn man den Gegensatz zwischen bürgerlichen Idealen und adliger Verkommenheit so einebnet, dann verliert die Tragödie ihr Innerstes. Es fällt schwer, der Luise von Ellen Céline Günther die Liebe zu Ferdinand abzunehmen. Schon in den ersten Szenen wirkt sie sprunghaft, wälzt sich erst in einer Beinahe-Kopulation mit ihm auf den Boden, fährt ihn dann an mit Vorwürfen und Nörgeleien. In Carps Inszenierung hat Gemeinsamkeit der Liebenden keinen Platz. Später hat sie Ohnmachtsanfälle, schreit und zickt, dass man sich auch fragt, was an ihr eigentlich Ferdinand reizt. Und Sergej Lubic spielt einen fast ebenso großen Hysteriker wie sie.

Man kann das ja machen, kann Schillers Porträt einer moralisch integren Familie zu einem inzestuösen Sündenpfuhl umretuschieren. Aber wo bleibt die Tragik, wenn Bürger und Adel gleichermaßen verdorben sind? Welchen Sinn hat dann noch Wurms Satz, dass ein Eid „bei uns“ nichts fruchte, „bei dieser Menschenart“ hingegen alles? Carps Deutung nimmt dem Drama die Spannung. Schiller kommt in Oberhausen laut daher, mit expliziten Gesten und viel Vordergründigkeit. Jürgen Sarkiss spielt Miller als zwielichtigen Heuchler, was die Geschichte nicht fördert. Henry Meyer vermittelt als Präsident die Korrumpiertheit des Standes.

Besser kommen die Randfiguren weg. Manja Kuhl zeigt die Lady Milford als verletzliche Frau. Bei Martin Hohner wirkt der intrigante Sekretär Wurm nicht wie eine Karikatur, man sieht einen jungen Mann, dem die Liebe nicht fremd ist und den Verzweiflung treibt. Und besonders Torsten Bauers Hofmarschall von Kalb ist endlich einmal nicht einfach der schwuchtelige Stutzer, als den man diese Figur so oft sieht. Er darf andeuten, dass der Mann, der seine Rolle bei Hof spielt, eben dieses Spiel durchschaut.

25.1., 2., 17., 20., 28.2., 6.3., 26.4., Tel. 0208/ 85 78 184, http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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