Peter Carp inszeniert Jelineks „Winterreise“ in Oberhausen

+
Im Schneetreiben ist gut böse sein: Szene mit Elisabeth Kopp (vorn) aus der „Winterreise“ in Oberhausen. ▪

Von Annette Kiehl ▪ OBERHAUSEN–Es ist eine Hütten-Gaudi: Zum dröhnenden Schlager vergnügen sich Ski-Lehrer und Alm-Wirtin, man trinkt Schnaps, trägt Dirndl und tanzt ausgelassen, denn schließlich gilt es eine Hochzeit zu feiern. Die Braut auf dem Podest wird geschmückt – nur eine reiche Braut macht eine fette Beute für gierige Anleger. Und die sehen ohnehin nur die aufgehübschte Oberfläche, weiss die Wirtshausgesellschaft.

Elfriede Jelineks „Winterreise“ spielt am Theater Oberhausen in einer kuscheligen Atmosphäre: Kaspar Zwimpfer hat eine Alpenkulisse für den Hintergrund malen lassen, eine gemütliches Hütte mit Bierbänken im Vordergrund aufgebaut. Hier kommentiert die Festgesellschaft munter am Beispiel der geschmückten Braut einen österreichischen Bankenskandal und ereifert sich über die mediale Daseinsberechtigung des Entführungsopfers Natascha Kampusch. Im Hintergrund des fröhlichen Treibens sitzt die österreichische Autorin höchstselbst und spielt selbstironisch immer „die gleiche alte Leier“: Es geht um eine Abrechnung mit der Mutter, die Verortung des Selbst im Strom der verrinnenden Zeit, den Sex und das Internet. Alles wie gewohnt bei Jelinek, schön durcheinander. Dieses Aufeinanderprallen von Boulevard und Philosophie, von Party und Stille, von Spott und Tragik ist typisch Jelinek, und Regisseur Peter Carp folgt der Literatur-Nobelpreisträgerin mit dem Ton seiner Inszenierung.

Um das Textgespinst der Autorin zu bändigen, hat er es auf verschiedene Rollen verteilt. Da gibt es mit Elisabeth Kopp die Hüttenwirtin, die Jelinek zum Verwechseln ähnlich sieht, dann Anja Schweizer, die ebenfalls als Alter Ego der Autorin auftritt. Hartmut Stanke verkörpert Jelineks demenzkranken Vater auf seiner Reise ins Vergessen.

Tatsächlich ist es Carp gelungen, die Themen des Textes, der ursprünglich ohne Rollenverteilung und Regieanweisungen auskommt, greifbar und verständlich zu machen. Doch im Partytrubel geht vieles unter: Das Umherirren des Wanderers, seine Beklemmung, die Spurensuche auf dem Weg durch die Kälte? Diese Leitmotive, die Jelinek aus Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ aufgegriffen hat, sind in der Oberhausener Inszenierung als Zitate hörbar, aber kaum präsent. „Das Leben verrinnt in der Zeit. Ich löse mich auf in den Tränen“, sagt Angela Falkenhan. Doch diese Worte passen nicht zu der jungen Frau mit dem himmelblauen Winterpullover und der sonnigen Ausstrahlung – und sie verpuffen.

Auch das Bühnenbild vom Bergidyll hilft den Darstellern nicht, die Vielschichtigkeit des Textes zu entfalten. Vielleicht engt die Gemütlichkeit sie ein, gibt ihnen zu viel Halt, wo es angemessen wäre, die Orientierungslosigkeit des Wanderers in der Kälte zu verkörpern.

Anja Schweizer trifft Jelineks Ton am besten. Sie sitzt abseits der Gesellschaft und tastet mit Blicken und Worten umher. Man spürt deutlich Schweizers darstellerische Arbeit an der Herausforderung, der Persönlichkeit der Autorin gerecht zu werden, die sich als Außenseiterin begreift. Wie ein Schulmädchen sitzt diese erwachsene Frau mit her-unterbaumelnden Beinen auf einem Tisch. Wenn sie redet wie ein Wasserfall, um sich damit ihrer selbst zu vergewissern, dann kommt sie Jelineks schriftstellerischen Motiven vielleicht am nächsten. Vom geboren werden, der Sexualität als Ersatz für die Mutterliebe, dem Internet als Reproduktionsmaschine handelt dieser große Monolog.

„Winterreise“ wurde in einer Inszenierung der Münchener Kammerspiele bei den Mülheimer Theatertagen 2011 als bestes Stück des Jahres ausgezeichnet. Die Vielschichtigkeit des Textes und der schonungslose Ton waren ausschlaggebend für das Juryvotum. In der Oberhausener Inszenierung ist dieses Potenzial spürbar, wird aber oft vom Partytrubel übertönt.

2.12., 8., 27.1.,

Tel.: 0208/ 85 78 124, http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare