Pete Dexters Roman „Deadwood“ erscheint im Liebeskind Verlag, München.

Von Ralf Stiftel ▪ Wenn der Kopfgeldjäger seinem Mädchen eine Überraschung bereiten möchte, dann lässt er sie suchen. Sie findet den Lederbeutel. Darin steckt... der Kopf von Frank Towles. Ein schlechter Tag für Boone May: Keiner will ihm 200 Dollar für den Kopf geben. Bei Lurline kommt er nicht gut an. Und nun macht sie ihm noch nicht einmal den Spaß zu schreien.

Pete Dexters Roman „Deadwood“ unterscheidet sich von den meisten Western, weil er die Umstände schildert, die sonst fehlen. Deadwood, jener Vorposten der Zivilisation mitten im Indianergebiet, stinkt zum Himmel. Auf den Straßen steht der Schlamm. Das warme Bad kostet 10 Cent extra. Und ein Leben gilt nicht viel. Da wird auch schon mal ein junger Mann im Goldgräbercamp aus Rache vergewaltigt, ohne dass der Schuldige dafür büßt. Es gibt keine John-Wayne-Romantik. Stattdessen das primitive, beschwerliche Leben. Der Autor, 1943 geboren, jahrelang Zeitungsreporter in Philadelphia, hat sorgsam recherchiert für sein Buch über die Stadt, die den Tod schon im Namen trägt, die es wirklich gab, und in der die meisten Figuren des Romans zur beschriebenen Zeit, 1876, sich tatsächlich aufhielten. Dexter berichtet von Personen, die selbst außerhalb der USA bekannt sind, wie dem Revolverhelden Wild Bill Hickock, der in Deadwood hinterrücks beim Pokerspiel erschossen wurde. Oder Calamity Jane, jene seltsame Mischung aus Westernheldin und Samariterin, die unerschrocken die Opfer der Pocken pflegt, bis sie gesunden oder sterben, weil sie glaubt, dass sie nicht krank wird. Auch die Frau aus dem Chinesenviertel, die ermordet wird, gab es wirklich. Und den großen Brand, der die Stadt auslöschte.

All das schildert Dexter in einem unterkühlten, lakonischen Berichtston, überwiegend aus der Perspektive von Bill Hickocks Freund Charley Utter. Für die Art Heldentum, die man im klassischen Kinowestern findet, ist in diesem Buch kein Platz. Als ein rachsüchtiger Schönling ihn während eines Damenbesuchs überfällt, da sucht Utter natürlich unter dem Bett Deckung. Und schießt seinem Gegner ziemlich unsportlich, aber eben lebensrettend, ins Schienbein.

Es passiert eine Menge in diesem Roman, aber er erschöpft sich nicht in Action und Kampfszenen, sondern er durchleuchtet die Charaktere, zeigt, wie sich Menschen in einer extremen Umwelt wie Deadwood verhalten. So entsteht ein Bild des Wilden Westens voller psychologischer und ästhetischer Grautöne, spannend, überraschend und oft auch getragen von einem trockenen, präzisen Witz. Den schon todkranken Bill Hickock lässt Dexter sagen: „Ich hasse es, in den Büschen zu sein, mit meinem Pimmel an der frischen Luft, wenn Schüsse fallen.“ Und über die Postkutsche des Northwestern Express bemerkt er einfühlend: „Es war Instinkt, dass man einen Mann, der einem auf die Füße kotzte, erschießen wollte, selbst wenn man im Begriff stand, Gleiches zu tun. Ganz besonders, wenn man im Begriff stand, Gleiches zu tun.“

Pete Dexter: Deadwood. Deutsch von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind Verlag, München. 448 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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