Luc Perceval inszeniert „Macbeth“ bei der Ruhrtriennale

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In mörderischem Tanz: Szene aus „Macbeth“ in Gladbeck mit Bruno Cathomas und Maja Schöne. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ GLADBECK–Am Ende tanzen Macbeth, der mörderische König, und seine wahnsinnig gewordene Frau langsam in jener schier unendlich weiten Halle.

Die weißen Laken sind zu einem verschmolzen, es gibt nur noch sie, große Verbrecher, die klein wurden im Scheitern, in der Erkenntnis der Vergeblichkeit ihres Strebens. Der belgische Regisseur Luc Perceval hat Shakespeares Tragödie „Macbeth“ für die Ruhrtriennale leise inszeniert. Der Zuschauer sieht kein Blut, hört die Akteure selten schreien, und es gibt keinen wandernden Wald von Birnam, keine Schwertkämpfe. Ganz unter dem Leitthema von Willy Deckers drittem Triennale-Jahr sucht diese Inszenierung das Buddhistische im elisabethanischen Drama.

Der Abend schenkt dem Besucher grandiose Bilder und hinreißende Sprechkunst. Die Hauptrolle spielt die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck. Virtuos nutzt Perceval das Tageslicht, das anfangs durch die hohen Fenster einfällt. Durch das Portal schreitet König Duncans Hofstaat wie in einen Burgsaal. Auch später fällt das Licht vor allem durch die Fenster, wie Mondschein. Bühnenbildnerin Annette Kurz schuf aus unzähligen Tischen eine Art Skulptur, massiv und zugleich transparent, und verstreut hunderte Paar schwere Arbeitsschuhe. Der Besucher meint nicht, vor einer gemachten Bühne zu sitzen, sondern fühlt sich als Zeuge in einem gewachsenen Raum. In jener organischen Wand aus Tischen klettern, schleichen, winden sich die Hexen, neun Tänzerinnen, gekleidet nur in bodenlange Haarschöpfe, stumme, lockende, drohende, kaum greifbare Schatten.

Alles ist entschleunigt. Mehr als eine halbe Stunde lang verharrt Bruno Cathomas als Macbeth an einer Stelle, und es dauert 20 Minuten, ehe er den ersten Satz spricht. Aber wie er das tut, immer noch kaum bewegt, die Hände in den Taschen, doch mit sichtbarer Körperspannung. In seiner Stimme liegt ein ganzes Orchester an Gefühlen, sie zittert, sie steigt in der Tonhöhe. Das Wort „Mord“ bringt er erst nach mehreren Anläufen über die Lippen.

Auch Maja Schöne als Lady Macbeth beeindruckt mit dem Wechsel aus langsamer Bewegung und furienhaften Ausbrüchen, wenn sie ihren Mann endlich zur Tat drängt. Und Alexander Simon bedient sich virtuos des Mikroports, wenn er anfangs spricht, was eigentlich die Hexen sagen, in einem Flüsterkeuchen, das sich in den Kopf des Besuchers schleicht.

Jede Bewegung in den zwei Stunden (ohne Pause) ist kontrolliert, gesetzt, Zug in einer Choreografie der Auflösung. Wie die Akteure Gänge wiederholen, auf klar erkennbaren Bahnen, deren Linien vielleicht ein Zen-Schriftzeichen ergäben, wie sie sich nähern, gegenüberstehen, wieder in die Position zurückkehren, das zeigt, wie sehr Perceval sich den Raum aneignet. Zum Ende des Abends hin sammelt das Kind, das Banquos Sohn spielt, die Schuhe ein und stellt sie in Paaren auf. Das wirkt wie ein Ritus und verbildlicht zugleich die Streitmacht, die gegen den Usurpator mobil gemacht wird. Gesprochen werden kaum Dialoge, sondern vor allem Monologe, oft ins Publikum, das sozusagen als Statisterie in das Spiel aufgenommen wird. Alles wirkt unendlich durchgearbeitet, wie eine szenische Meditation. Perceval gibt uns das Macbeth-Mantra auf den Weg.

So imposant jedes Detail an diesem Abend wirkt, so kalt lässt er im Ganzen. Wer „Macbeth“ nur als Reflexion über die Nichtigkeit menschlichen Strebens fasst, reduziert dieses Stück um Wesentliches. Wo sind zum Beispiel die großen Gefühle geblieben? Dass dieser Abend blutleer ist, nur ein wenig Wein auf die Fliesen geschüttet wird, das bedeutet mehr als nur eine Äußerlichkeit. Shakespeare erzählt von Menschen, die Ungeheuerliches tun, die verführt werden und scheitern. Perceval scheint sie unter Valium gesetzt zu haben, damit wir jede Regung mitbekommen.

8., 9., 10., 16., 17.9., (z. Zt. ausverkauft),

Tel. 0209/ 167 17 75.

http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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