Xin Peng Wang erzählt Thomas Manns „Zauberberg“ in Dortmund als Ballett

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Große Gefühle: Monica Fotescu-Uta und Dmitry Semionov als Clawdia Chauchat und Hans Castorp. Szene aus Xin Peng Wangs „Zauberberg“-Choregrafie in Dortmund.

Von Elisabeth Elling Dortmund - Was tun sie da? Weiß und fest eingewickelt liegen sie in strenger Ordnung: die tägliche Liegekur im Lungensanatorium. Doch dann strampeln, räkeln und dehnen sie sich in den elastischen Jerseyschläuchen und türmen sich schließlich zu einer bizarren Gebirgslandschaft. Die Rituale und monotonen Pflichten des Patientenalltags werden zum Ereignis überhöht.

In dieser Szene bannt Xin Peng Wang die Faszination, die die entrückte Welt der Kranken auf den jungen Hans Castorp ausübt. Er will in der Kurklinik eigentlich nur seinen tuberkulosekranken Cousin Joachim besuchen – und wird sieben Jahre bleiben. Er lässt sich gern überwältigen von der Schönheit und den Eigentümlichkeiten des „Zauberbergs“.

Das Ballett nach dem Roman von Thomas Mann (1924) beeindruckt am Dortmunder Opernhaus mit mächtigen Bildern und großer Erzählkraft, wobei der 800-Seiten-Roman rigide und klug gestrafft wurde. Großer langer Jubel vom Premierenpublikum am Samstag.

Xin Peng Wangs Choreografie ist auch ein Beitrag zum Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren: Dieser steht am Ende des Romans, wenn Hans Castorp das Sanatorium verlassen muss. Videodesigner Knut Geng lässt auf den Schneeflächen des Bühnenbildes Soldaten aus Schützengräben stürmen. Frank Fellmann (Bühne) hat den Zauberberg da bereits unter einer makellosen weißen Hülle verschwinden lassen: Eine Epoche ist beerdigt.

Dazu verströmt die Musik des estnischen Komponisten Lepo Sumera (1950-2000) eine ganz eigene Anziehungskraft. Unter der famosen Leitung von Motonori Kobayashi setzen die Dortmunder Philharmoniker die neun „Zauberberg“-Stationen regelrecht unter Spannung. Die Ausschnitte aus Sinfonien und Kammerwerken Sumeras sind oft Verdichtungen oder Steigerungen repetitiver Muster. Als Lieder ohne Worte bilden sie die Isolation und Selbstbezüglichkeit ab, die das Dasein auf dem Berg nach und nach bestimmen.

Umso krasser ist der Kontrast, wenn die Musik aussetzt und Dann Wilkinson (als Joachim Ziemßen) zu rasselnden Atemgeräuschen die Beklemmungen und die Qual der Krankheit in schmerzhafte Kraftakte übersetzt. Xin Peng Wang lässt kaum Bravourstücke tanzen; auch Ziemßens ergreifender Todeskampf ist nach innen gewandt. Eine weiteren besonders eindrückliche Szene ist sein scheuer Pas de deux mit Jelena Ana Stupar als Nelly, einer von Ziemßen heimlich verehrten Mitpatientin. Ihrer beider Liebeswunsch wird gebannt von Schüchternheit und Resignation.

Präzise profiliert der Dortmunder Ballettdirektor Charaktere und Befindlichkeiten: die aufgekratzte Gesprächsfreudigkeit Ludovico Settembrinis (Giuseppe Ragona), das düstere Wesen seines Konkurrenten Naphta (Arsen Azatyan), der ebenfalls Castorps Weltbild formen will. Dmitry Semionov gibt diesem jungen Mann forsche Eleganz und lässige Sprungkraft. Mit Monica Fotescu-Uta als Madame Clawdia Chauchat verbindet er sich zu einem schwärmerischen Pas de deux. Dazu schneit Castorps Liebesgestammel in einer Videoprojektion buchstabenweise herab – und wird wieder zerschmelzen, wenn der allgegenwärtige Überdruss auch diese Beziehung erfasst hat. Dann entzweien sich die Beiden allmählich in parallelen oder sich spiegelnden Bewegungen.

Schwach bleibt die Choreografie, wenn sie konkrete Romanszenen nachbildet, ohne sie einbinden zu können, etwa Hans Castorps Schneetraum mit seiner Hexen-Vision. Thomas Manns komplexe Figuren hingegen werden auf wesentliche Züge reduziert, bleiben dadurch aber zuweilen belanglos. Die große Stärke dieser Ballettkreation ist die Nachempfindung des gleißenden, nebulösen und lockenden Klimas auf dem „Zauberberg“. Dafür hat Xin Peng Wang betörende Bilder und mitteilsame Szenen gefunden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

14., 22., 28. November; 6.,12., 28. Dezember; 4., 7. Januar 2015, 1., 6. Februar; 12., 20. März; 11., 17., 26. April

Tel. 0231/502 72 22

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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