Paul Wellers neues Album „Sonik Kicks“

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Überzeugt von seiner aktuellen Arbeit: Paul Weller ▪

Von Frank Osiewacz ▪ 20 Solo-Jahre liegen hinter ihm und zehn Solo-Alben. Nach jedem fragten sich die Kritiker: Woher kam diese überraschende Wendung, was erwartet die Fans beim nächsten Mal? Paul Weller, 53-jährige britische Pop-Ikone, hatte immer kurze Antworten zum Jetzt und versprühte stets eine Energie, die in die Zukunft gerichtet war.

„Natürlich bin ich stolz auf das Erreichte“, sagt Weller. „Zur Vergangenheit habe ich einiges beigetragen. Aber mein Blick ging immer nach vorne, und das wird so sein, bis ich mich verabschiede.“

Das Interesse an Weller, an dem sich Kritiker und Fans auf der Insel stetig reiben, ist ungebrochen. Gerade ist sein neues Album „Sonik Kicks“ (Cooperative/Universal) in England auf Platz eins der Album-Charts gegangen. In Deutschland ist es soeben erschienen. Weller ist in Großbritannien noch immer Trendsetter und Erneuerer. Zuletzt hieß es noch „Wake Up The Nation“ sei sein bestes Album der vergangenen Jahre, jetzt sagt er selbst: „Ich glaube, Sonik Kicks ist besser, besonders von den Texten her.“

Aber ist es das wirklich? Der Vorgänger hatte eine Art Ruppigkeit, die gleichsam eine späte Wiedergeburt Paul Wellers als „Angry Young Man“ bedeutete. Aufrüttelndes, Urbanes, Erdiges, das – auch dank des Gastspiels von Ex-Jam-Bassist Bruce Foxton – den Geist alter Tage aufleben ließ. Das wurde live sehr deutlich in einem abgespeckten, sehr rockigen Bühnenoutfit ohne Firlefanz. „Sonik Kicks“ orientiert sich eher nach innen, ist dabei experimentierfreudig und reflektiert obendrein auf gemächliche Art das Älterwerden.

Nun hat Weller zur Veröffentlichung von „Sonik Kicks“ vergangene Woche gleich fünf Mal hintereinander das Londoner Roundhouse ausverkauft. Mit einem komplett anderen Hintergrund. Denn Weller findet plötzlich Gefallen an elektronischen Spielereien. Er nimmt Bandnamen wie „Neu!“ in den Mund (deren Werk er bis vor kurzem gar nicht kannte) und versucht sich im eigenen Studio in Surrey an technischen Kabinettstückchen. Das alles mit Hilfe von alten Weggefährten wie Steve Cradock (langjähriger Weller-Gitarrist und Ocean Colour Scene), Graham Coxon (Blur) und Noel Gallagher. Das ergibt: reichlich Gezirpe und Geblubber, Synthesizer- und Prog-Rock-Sounds sind durchgängiger „roter Faden“.

Fast alle Stücke des Albums sind eingehüllt in eine dicke Decke aus künstlich erzeugten Klängen. Lediglich die Ballade „By The Waters“ gibt den Blick frei auf eine Art klassischen Pop-Song.

Zumeist scheint es aber so, als müsse man die Stücke freikratzen, um an ihre darunterliegende Struktur zu gelangen. Das gilt auch für die Weller-typischen drei Up-Tempo-Songs „Green“, „The Attic“ und das Polka-artige „Kling/Klang“ zur Eröffnung des Albums. An allem klebt das Etikett des neuen Steckenpferds: Krautrock.

Es folgen bizarre instrumentale Klanglandschaften („The Serene“), eine muntere und ironische Auseinandersetzung mit dem Älterwerden („That Dangerous Age“) und sechsminütige Ausflüge in Jazz- und Dub-Gefilde gemeinsam mit seiner Frau Hannah („Study in Blue“). „Around the Lake“ gehört mit zu den düstersten musikalischen Momenten Paul Wellers. Michael Rother (Neu!) hat sich angeblich für einen Remix angeboten. „When Your Garden‘s Overgrown“ fügt sich als Reflexion über Syd Barrett inhaltlich wie musikalisch in das neo-psychedelische Puzzle.

Nach einer elektronischen Tour de Force verabschiedet sich Weller mit dem besinnlichen „Be Happy Children“, einer warmherzigen Umarmung für den (eigenen) Nachwuchs. Zwei seiner sieben Kinder wirken hier mit. Während das Album fast kitschig ausklingt und sich die Fans an Weller 2012 gewöhnen, tut er sicherlich schon eines: Nach vorne schauen.

Quelle: wa.de

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