Paul Weller spielt in der Live Music Hall in Köln

+
Paul Weller bei seinem Auftritt in Köln. ▪

KÖLN – Der Modfather bauchpinselt seine Fans: „Ihr seid das beste Publikum, das ich bisher in Köln hatte“, schwelgt ein sichtlich euphorisierter Paul Weller am Dienstag in einer gut gefüllten Live Music Hall. Von Frank Osiewacz

Und in Köln hat Weller schon etliche Male gespielt. Das Lob an die Fans kann nicht nur am Rotwein liegen, den der 51-Jährige aus einem Plastik-Bierbecher zu sich nimmt. Wie schon auf dem aktuellen Album „Wake Up The Nation“ wirkt Weller musikalisch völlig gelöst von früheren selbst auferlegten Konventionen. Bei dem Mann in grauer Anzughose und schwarzem T-Shirt geht jetzt alles, er ist offener als je zuvor. Das zeigt sein gut 100-minütiges Set inklusive dreier Zugabenpakete eindrucksvoll.

Wohin die Reise gehen sollte, machte schon das Bühnenbild deutlich: Verstärker-Reihe (weißer Marshall mit Target), Ludwig-Schlagzeug, Tasteninstrumente: kein Firlefanz, keine aufwändige Licht- oder Diashow, alles entkernt und auf die Musik konzentriert. Es wirkt fast wie eine Art Reinigungsprozess. Zur Seite steht Weller nach wie vor sein alter Weggefährte und Gitarrist Steve Cradock von Ocean Colour Scene. Dazu kommen Bassist Andy Lewis, Schlagzeuger Steve Pilgrim und Keyboard-Spieler Andy Crofts.

Vom heftigen R&B-Stomper über schmusige Soul-Balladen, Tango-Exkurse bis hin zu psychedelischen Gewitterstürmen ist alles möglich. Rau, schmutzig, sanft, melodiös, groovig. Weller beginnt sein Set mit „Sea Spray“ und beendet es rückkoppelnd mit „Echoes Round The Sun“. Ob die Stücke von „22 Dreams“ als Klammer gedacht waren, sei dahingestellt. Dazwischen liegt ein abenteuerlicher Ritt, der viel Raum für das neue Album lässt, sich aber auch auf Altes besinnt. „Wake Up The Nation“, „Moonshine“ und auch das experimentellere „7&3 (Is The Striker‘s Name“) und die Mini-Rock-Oper „Trees“ funktionieren live prima, vielleicht sogar besser als auf dem Album.

Dann macht Weller den Schritt in die Vergangenheit – und der scheint konsequent. Nach einer etwas schunkeligen Version des Jam-Klassikers „Strange Town“ baut er vor Energie strotzende Versionen von „Pretty Green“ und „Start“ ein, gönnt sich und den Fans das 30 Jahre alte „Scrape Away“ und geht mit „New Art School“ zu seiner ersten LP mit The Jam ins Jahr 1977 zurück. Hört man „Fast Car/Slow Traffic“ vom neuen Album, ist die Brücke geschlagen. Das hat nichts mit Greatest Hits zu tun. Das ist Teil einer musikalischen Geschichte, die jetzt höchst lebendig ist.

Paul Weller wirkt entspannt und voller Energie zugleich. Zwei Pole in einem Mann. Weller hat Raum für beide. Lediglich in der Mitte hängt das Set etwas durch. Die Single „No Tears To Cry“ beispielsweise verpufft völlig. Bei den Zugaben verlässt sich der Alt-Mod nicht auf „Town Called Malice“ oder „That‘s Entertainment“. Das wäre unpassend. Stattdessen gibt es eine alternative, heruntergebrochene Version von „Wild Wood“ und ein soulig-raues „Broken Stones“. Damit liegt er richtig. Wie mit fast allem an diesem Abend. Die Fans bedanken sich mit frenetischem Applaus – und hätten noch länger durchgehalten.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare