Paul Koek inszeniert „Drei Schwestern“ in Bochum

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In jeder Etage ist etwas los: Szene aus den „Drei Schwestern“ in Bochum. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Oben auf dem großen Flachbildschirm wehen Baumwipfel im Wind. Unten sitzen die drei Schwestern Olga, Mascha und Irina nebeneinander und wiegen ihre Füße gleichzeitig nach rechts, nach links. Andrej, ihr Bruder, liegt unter der Treppe und streckt die Beine in die Höh‘. Und irgendwo links unten, man erblickt sie durch einen Bühnenspalt, sitzen die drei Musikerinnen und produzieren spröde Klänge, inspiriert von Morton Feldman. Alles schön langsam. Schließlich handelt Anton Tschechows Drama „Drei Schwestern“ von der Ödnis der Provinz und der Sehnsucht nach der Metropole, nach Moskau.

Das Schauspielhaus Bochum eröffnet die Spielzeit mit einer Inszenierung von Paul Koek. Der niederländische Regisseur pflegt mit seinem Ensemble Veenfabriek aus Leiden eine besondere Kunst der Dekonstruktion. Die Hauptrolle spielt hier beinahe die monumentale Bühne (von Theun Mosk), eine offene Architektur über vier Stockwerke, die über Treppen und Leitern verbunden sind. Hier sind viele Gänge möglich. Tschechows Stück dient Koek als Partitur, und unter den choreografischen und musikalischen Akzenten gerät der Text in den Hintergrund. Da paradiert Roland Riebeling als Andrej schon mal in einer Art Schreittanz von links oben bis rechts unten. Bettina Engelhardt als Olga, die Lehrerin, schleppt ihr Päckchen mehrmals über die gleiche Strecke, es ist ein Stapel Bücher. Und die Pianistin Teodora Stepancic trägt ein Deckenbündel, das für ein Kind steht. Im Souterrain wird schon mal ein Apfel geschält und verspeist, die Schalen fliegen über die Bühne. Das alles geschieht, während in einem anderen Feld dieses überdimensionalen Setzkastens andere Akteure ihren Text sprechen.

Und ständig läuft ein Klangteppich, mal Cello und Blockflöte, dann wieder ein Trommeln auf Töpfen und Rauschen fallender Erbsen, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Auch der Text wird zum Klangmaterial, dann sprechen die Darsteller übereinander, immer lauter, bis Andrejs „Genug“-Rufe sich durchsetzen.

Das ist genauso mühsam anzuschauen, wie es klingt. Einzelne Pointen aus Tschechows Text sind Inseln der Unterhaltung in einem gleichförmigen Strom von Bewegungen und Geräuschen. Nach der Pause, die diesen sehr langen dreieinhalb Stunden einen Zeitsprung aus dem rüschig-plüschigen 19. ins technisierte 21. Jahrhundert verpasst, spricht Olga in der Souterrain-Küche in eine Webcam, und Andrej im 3. Stock neben dem Fernsehgerät kriegt einen Schreck. Später prügeln sich beide und spielen das virtuos in Zeitlupe.

So ersetzen Effekte und multiperspektivisches Spiel die psychologische Konzentration. Gesprochen wird viel zu oft frontal ins Publikum, jede Aktion wird überdeterminiert durch weitere Aktionen. Der Sprecher liegt am Boden und turnt. Oder jemand tanzt. Oder jemand guckt durch das runde Fenster. Oder, und das könnte eine ziemlich flache Anspielung sein, ist vielleicht auch ganz anders gemeint: Während Olga vom Feuer spricht, das im Dorf wütet, umarmt sie das Modell eines Hochhausturms, das wohl nur zu diesem Zweck im Obergeschoss herumsteht. Oder soll es doch auf den Terroranschlag vom 11. September anspielen?

Und so vergeht die Zeit. Wie die Spaziergänger im Bühnenbild kommt das Stück nicht voran. Tschechows Liebesdramen berühren den Zuschauer nicht, weil sie in dem langsamen, bunten Trubel so mittreiben. Einzelne Monologe von Kristina-Maria Peters (Irina) heben sich ab, die rustikalen Scherze Andreas Grothgars (Tschebutykin), eine Umarmung von Anna Grisebach (Mascha) und Jürgen Hartmann (Werschinin).

Die Inszenierung übersetzt das Drama in die Fläche, zersplittert es in Einzelheiten wie bei einem niederländischen Gemälde. Und sie raubt ihm die Freude, die es macht, Menschen und ihren Schicksalen zuzusehen.

12., 20., 29.10., 24.11.;

Tel. 0234/ 33 33 55 55; www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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