Paul Kalkbrenner gastiert in Dortmund

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Begeistert in Dortmund: DJ Paul Kalkbrenner

DORTMUND – Sein Habitus verrät, er ist Musiker durch und durch. In seiner Mimik spiegelt sich höchste Konzentration, seine Hände rasen über die Tasten und Knöpfe am Mischpult, die Augen wandern wieder und wieder ins Publikum. Paul Kalkbrenner will wissen, wie seine Beats wirken. Er will, dass seine Zuhörer in der ausverkauften Westfalenhalle 2 mit ihm, nein für ihn tanzen. Er führt sie wie Marionetten, lässt sie in leisen Elektro-Passagen Atem holen, um sie dann mit krassem, dröhnendem Bass aufzuscheuchen, kreischen zu lassen, beben zu lassen. Von Patrizia Popek

Der 33-jährige Berliner ist zum zweiten Mal mit seinem Album „Berlin Calling“ auf Tournee, dem Soundtrack zum gleichnamigen Film von Hannes Stöhr. In „Berlin Calling“ spielt Kalkbrenner – wie könnte es anders sein – einen DJ, der sich im Berliner Nachtleben und seinen Verlockungen verliert. Am Ende siegt in „Berlin Calling“ die Liebe zur Musik. Kalkbrenners Alter Ego „DJ Ickarus“ sagt sich von den Drogen los, kriegt die Kurve und geht fortan auf in seiner Musik, seinen Beats, seinen Tracks, seiner Kunst.

So glaubwürdig Kalkbrenner in seiner Darstellung als „Ickarus“ ist, so authentisch ist er auf der Bühne. Er hat Spaß, er liebt, was er tut. Und, viel wichtiger, er hat Gefühl. Kalkbrenner ist ausgebildeter Trompeter. Ob es ihm deshalb so gut gelingt, der elektronischen Musik so viele Emotionen zu verleihen? Er spielt nicht bloß Techno-Tracks, er gestaltet sie, formt sie. Kalkbrenner beim Mixen zuzuhören, ist, als würde man einem Maler zusehen, wie er ein Bild malt. Da ist zunächst nur ein Ton, eine Klangfarbe. Dann mischt sich mehr dazu, das Bild wird komplexer, der Track schwieriger. Kalkbrenner übertreibt zuweilen, setzt schrille Akzente, spielt mit Kakophonien – und findet am Ende zurük zur Harmonie, die seine Lieder vermitteln.

Seit 1994 tritt Kalkbrenner als DJ auf, normalerweise spielt er in kleinen Berliner Clubs. In großen Hallen allerdings ist er genauso gut aufgehoben. Und das ist der Wermutstropfen: Kalkbrenner füllt große Hallen, weil seine Musik kommerzieller geworden ist, stromlinienförmiger. Das spiegelt sich in der Zusammensetzung des Publikums. Viele Teenager sind da, viele „Normalos“, nur wenige echte Freaks. Das war mal anders, in Berlin, in den kleinen Clubs.

Nach drei schweißtreibenden Stunden geht Paul Kalkbrenner von der Bühne – und erntet einen Aufschrei. Denn es fehlt noch etwas. Die absolute Kalkbrenner-Hymne hat er dem Publikum vorenthalten, „Sky and Sand“ nicht gespielt. Nach wenigen Minuten kommt er zurück, stellt sich hinter sein Mischpult und setzt zum Finale an, zum Höhepunkt. Nach einer extra-langen Version des Tracks entlässt er sein Publikum mit seligen Gesichtern. Das Konzept des Abends ist aufgegangen, bis ganz zum Schluss haben die Zuschauer für ihren Star getanzt, gekreischt, gebebt.

Quelle: wa.de

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