Patrick Leigh Fermors Reisebericht von der Mani

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Patrick Leigh Fermor ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Nicht, dass er nicht gewarnt wurde vor der Mani. „Wieso wir denn dorthin wollten? Dort wohnten schreckliche Menschen, wild, tückisch, Messerstecher – machairovgáltes! – und sie versteckten sich hinter Felsen und schossen auf Leute.“ Patrick Leigh Fermor hat sich nicht abschrecken lassen, in jenem Sommer 1952, und er bereiste jenen südlichen Zipfel der Peloponnes-Halbinsel.

In seiner Heimat England war er da schon als Reiseschriftsteller berühmt. Und auch hierzulande entdeckt man Fermor. „Mani. Reisen auf der südlichen Peloponnes“ ist wunderbares Lesefutter für Fans und ein schöner Einstieg für die, die ihn noch nicht kennen. Der 1915 geborene Autor kehrte 1945 als Kriegsheld heim, hatte in Kreta im Untergrund gekämpft und den deutschen Oberbefehlshaber Kreipe gefangen genommen. Er war aber auch ein großer Reisender, hatte in den 30er Jahren zu Fuß Europa durchwandert und in den späten 40er Jahren die Karibik erkundet.

Im Vorwort schreibt er, dass er in den entlegensten Landstrichen „Bereiche des Lebens“ erkunden wolle, „die jahrhundertelang unberührt blieben“. Wie ein Ethnologe begegnet er den Menschen, aber auf Augenhöhe. Er notiert den klugen Rat, nicht unter dem Feigenbaum zu schlafen („Der Schatten ist schwer.“) ebenso wie die Aufforderung, in Kambos viel Wein zu trinken. Er erkundigt sich nach dem Stierkampf und erntet Gelächter, weil es den auf der Mani nicht gibt. „Schon deswegen, weil es auf der Mani keine Stiere gibt.“ Schritt um Schritt schildert Fermor eine wilde, archaische Welt voller Gastfreundschaft, voller alter Erzählungen um den Krieg gegen die Türken und Blutrache, um mythische Wesen wie Gorgonen, und manchmal gibt er sich seiner Fantasie von Zentauren hin. „Ein alter Graubart, gekrönt mit einem Kranz aus Weinlaub, den er schief auf dem Kopf sitzen hat, gesellt sich zu ihnen, verschränkt die Arme und fragt auf altmodisch doppeldeutige Art, wie es mit einem Ausritt wäre.“ Bei alledem gibt sich Fermor zwar einer gewissen Romantik hin, aber er blickt auch auf die harten Lebensbedingungen, wenn er zum Beispiel aufzählt, was auf der Mani angebaut wird, wenig genug, „...ansonsten nichts als Kakteen und Dornen und Steine.“ Und er dringt tief in die Geschichte ein, berichtet von stolzen Beys und Kapetanen. Und sogar zu fränkischen Ruinen hat er eine Meinung: Er mag sie nicht in der griechischen Welt.

Es ist diese Mischung aus faktensattem Bericht und sprachtrunkener Poesie, mit der Fermors Buch so großes Vergnügen bereitet. Selbst eine Badepause in einer Meeresbucht wird da zum Ereignis. Er nimmt die Menschen, die er besucht, sehr ernst, verhehlt nicht seine Rührung, als ihm Eleni im entlegenen Dorf die Totenklage „von dem englischen Flieger“ vorsingt. Aber er erlebte offensichtlich auch viele frohe Momente, deren charmanten Humor er einfängt. Er ist ein Meister im Staunen, selbst eine Redensart ist ihm einen Absatz wert – und liefert uns die Erklärung, warum es bei griechischen Seefahrern heißt, einer schaffe sich eine Katze an, wenn sie meinen, er gehe auf Nummer Sicher.

Und wie wundervoll beschreibt er kleinste Momente: „Meine Augen waren nur einen Spaltbreit geöffnet, so daß die Wimpern das Sonnenlicht in Dutzende von geraden, hauchdünnen und meilenlangen Regenbögen aufspalteten, die sich mit jedem Millimeter, den ich die Lider weiter senkte, zu um so längeren flirrenden Strahlenbündeln streckten.“

Patrick Leigh Fermor: Mani. Deutsch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Dörlemann Verlag, Zürich, 480 S., 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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