Patrice Chéreau deutet Dostojewskis „Großinquisitor“

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Deutet mit sprachlichen Mitteln Dostojewski: Regisseur Patrice Chereau ▪

Von Edda Breski ▪ RECKLINGHAUSEN–Es gab einmal einen, der glauben wollte und zweifelte, und der seinen Zweifel und seine Furcht in eine Parabel goss: die vom „Großinquisitor”. Die Schlüsselstelle aus den „Brüdern Karamasow”, Dostojewskis als Legende verkleidete existenzielle Debatte, bettete bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen der große französische Film- und Theatermann Patrice Chéreau in einen allzu menschlichen Kontext.

Dostojewski legt die Anklage des einsam zweifelnden Menschen in den Mund eines 90-jährigen Greises, des Großinquisitors, der hunderte Ketzer hat verbrennen lassen. Er wirft Christus, der unter den Menschen wandelt und Wunder tut, ins Gefängnis und will auch ihn auf den Scheiterhaufen werfen. Der Erlöser stört ein Kontrollgeflecht, ein menschengemachtes Referenzsystem, ohne das die Masse an ihrem freien Willen verzweifeln würde. Die Menschen brauchen „das Wunder, das Mysterium, die Autorität”, sagt der Großinquisitor und wirft Christus vor: „Was bist du überhaupt gekommen, uns zu stören?” Der alte Mann entwirft eine Gesellschaftsordnung, die aus Menschen glückliche Sklaven macht, dem Problem des freien Willens enthoben. Und er bekennt sich zum Glauben an „ihn, den anderen”, Gottes dunklen Gegenpol, der ihm als Referenzpunkt für sein Machtsystem dient. Christus gibt dem Großinquisitor keine Antwort, küsst ihn auf den Mund und verlässt ihn.

Chéreau spricht und spielt mehr als eine Stunde lang in einem fahl erleuchteten Raum, um sich Schwärze, vor sich Tische, drei Stühle, eine klassische Verhörsituation. Ein Stuhl für den Groß inquisitor, einer für Christus, der dritte bleibt unbeachtet. Das Tableau erinnert an das existenzialistische Theater, wie auch Chéreaus Geste: Er scheint sich zu beugen vor der Wucht des Verhandelten.

Chéreau hat den Text vor sich; das Papier ist, außer Gedächtnisstütze für den Sprecher, im Spiel Anklageschrift und Zeugnis sowie etwas, woran man sich festhalten kann. Chéreaus fragender Mensch ist einer, der es wohl ehrlich meint, aber hinter den Zweifeln steckt immer auch Koketterie; hinter der Pose lauert eine Frage: nicht die nach Gott, sondern nach dem Selbst. Der Mensch erkundet seine Macht. Bei Chéreau hat das mehr als eine narzisstische Nuance. Er spricht lustvoll in diese Unwägbarkeiten hinein. Der Diskurs des Großinquisitors bleibt nicht reiner Gesellschaftsentwurf, sondern hat eine sinnliche Komponente.

Auch die Sprache ist sinnliche Erfahrung: Die biegsamen, sich überstürzenden französischen Sätze, die per Übertitelung auf Deutsch verkürzt wiedergegeben werden, spricht Chéreau wie Poesie, in der Sprache, in der Camus den Menschen zur Revolte aufrief. Aber auch in der religiös maskierten Sprache, in der Baudelaire, in der „Litanei Satans”, die Macht des Antichristen pries und sein Mitleid erbat. Das kulturelle Referenzsystem fächert Chéreau kunstfertig auf, darin ist er ganz traditionsverhaftet und zeigt zugleich die visionäre Kraft des Dostojewski-Textes. Mehr Aktualisierung braucht es nicht.

Quelle: wa.de

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