Paolo Magelli inszeniert „Leonce und Lena“ in der Phoenix-Halle

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Werden von der Liebe überrascht: Bettina Lieder und Christoph Jöde in „Leonce und Lena“ in Dortmund. ▪

DORTMUND ▪ In der Phoenix-Halle geht das: Da steigt Leonce auf den Sozius von Valerius‘ Motorrad. Und auf geht‘s. Nach Italien. Bloß weg von diesem Hof des Reiches Popo, wo er die Prinzessin Lena aus dem Reich Pipi heiraten und als wirklicher König regieren soll. Knatternd drehen sie ihre Runden, immer weiter und doch bloß im Kreis. Von Ralf Stiftel

Der italienische Regisseur Paolo Magelli nutzt die Weite der Gasgebläsehalle des früheren Stahlwerks in Dortmund-Hörde für seine Inszenierung von Büchners Lustspiel. „Leonce und Lena“ ist Raumtheater, in dem sich auch das Publikum bewegt. Im Stehen sehen wir Leonces absurde Langeweile. Dann schreiten wir in die eigentliche Halle, wo das Motorrad und die offene Staatskarosse König Peters mit hochdrehenden Motoren ausfahren können. Und wir werden als Hofstaat Zeugen der großen Ehezeremonie. Schon das ergibt Sinn an dieser Außenproduktions des Dortmunder Theaters: Die Absurdität von Büchners Staatssatire trifft auf die Industriebrache, die ihren einstigen Zweck als Produktionsort verloren hat. „Wer arbeitet, ist ein Schuft“, sagt Valerio (Frank Genser). Lang her, dass hier geschuftet wurde.

Es macht großen Spaß, wie die Darsteller mit vollem Körpereinsatz spielen. Uwe Rohbeck setzt als Staatsrat seine Beine storchenschlenkrig voreinander, so dass sie mindestens doppelt so lange in der Luft sind, wie für einen Schritt nötig wäre. Und jeden Auftritt begleitet er mit einem misstönenden Stoß in seine Piccolotrompete, was König, Prinz und die anderen buchstäblich umwirft. Sebastian Kuschmann lässt sich als infantiler König in den Sitz seines Cabrios fallen und rappelt sich dann wieder auf, als stecke er in einem Sumpf und er wirkt tatsächlich so, als merke er nicht, dass sein Zipfel aus der Unterhose ragt. Luise Heyer will als Gouvernante auf Rollschuhen ihre Lena umarmen, aber die weicht aus, und so kracht die Liebende gegen die Wand. Wieviel Grausamkeit in Büchners Spaß steckt, das sieht man auch im rüden Umgang, den Leonce mit seiner Hofgespielin Rosetta pflegt, die er anschnauzt. Eva Verena Müller steht nackt wie in Schockstarre, per Videoprojektion auf der Rückwand multipliziert. Wer soll diesen amoralischen Schnösel liebhaben?

Als sich die Flüchtigen treffen, zeigt uns Magelli das als komisches Elementarereignis: Christoph Jöde, dieser verhätschelte Kindmann mit dem Greisenlebensüberdruss, verliert Langeweile und Sprache zugleich und heult wie ein läufiger Hund das blonde Püppchen an, das im fahrbaren Turm aufgetischt wurde. Bettina Lieder lässt sich hängen, tragen, auf dem grünen Kunstrasenstück betatschen. Die Königskinder kennen nicht einmal die einfachsten Benimmregeln. Ihrer Unschuld hängt etwas Animalisches an.

So treibt Magelli dem Lustspiel die Naivität aus. Dass es bei dieser Paarung um Sexualität geht, das zeigt er in vielen Andeutungen, angefangen vom Spargel, den er im Video aus dem Acker aufschießen lässt, bis hin zu allerlei eindeutigen Gesten und fallenden Hosen. Der Regisseur behandelt die Schauspieler wie Puppen, baut ihnen in der Schlussszene gar Kunstarme, Masken und Glöckchen an. Das Ensemble meistert auch diese Zumutungen.

Büchners anarchische Neigungen werden kongenial entwickelt: Das Publikum wird rumkommandiert, als wär man wirklich bei Hofe. „Aufstehn!“, blafft der Staatsrat, und als nicht genug Leut folgen, ätzt Rohbeck: „Wir ham ne Stunde Zeit!“ Später tanzen sie die Freudenschritte des Königs mit. Und, angefeuert von den famosen Laienkräften des Dortmunder Sprechchors, kommt auch das Viii- vatt sehr staatstragend.

Verspielt zwischen albern und boshaft, voller Bilder und Pointen – wahrhaft ein Abend der Lüste.

23., 31.5., 1., 7., 8., 10., 15., 17., 21., 22., 23.6., 1.7.,

Tel. 0231/ 50 27 222

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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