Paolo Magelli inszeniert in Dortmund „Elektra“ mit Rock von Paul Wallfisch

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Rock den Euripides: Szene aus „Elektra“ in Dortmund mit Frank Genser, Carlos Lobo, Caroline Hanke, Merle Wasmuth, Bettina Lieder und Peer Oscar Musinowski (von links).

Von Edda Breski DORTMUND - Herrschaft ist dünn wie Papier. Wo Macht wütet, hinterlässt sie wüstes Land. Eine symbolische Bildsprache hat Regisseur Paolo Magelli für „Elektra“ gewählt. Es blüht nichts mehr auf dem steinigen Boden von Argos, auf dem zwei Frauen um Ideen von Herrschaft und Gerechtigkeit ringen. Am Schauspiel Dortmund ist „Elektra“ politisches Theater und noch viel mehr: Es geht um Liebe und Konkurrenz, Tugendterror und das Ende der Ideen, um Orientierungslosigkeit von wüstem Ausmaß.

Die Fassung des Elektra-Stoffes hat der Dramaturg Alexander Kerlin besorgt, ausgehend von den einschlägigen Quellen Euripides und Sophokles, gestützt auf die freudianische Bearbeitung durch Hugo von Hofmannsthal für die Oper von Richard Strauss. Die Dortmunder landen einen Coup. Musik vereint sich mit Theater zu einer zugleich traditionellen und avancierten Kunstform. Paul Wallfisch, musikalischer Leiter am Schauspiel, morpht Motive aus der Strauss-Oper in eine laute, eklektische Folge von Rock, Walzer, Jazz, eine Anspielungsflut zwischen „Ode an die Freude“ und „Star-Spangled Banner“. Gitarrist Geoffrey Burton und Drummer Larry Mullins haben Stars wie U2 und Iggy Pop auf ihrer Referenzliste und sind in Dortmund souveräne Gleiche unter Gleichen.

Musik und Text bedienen sich derselben Technik. Kerlin spielt mit einem Steinbruch von Zitaten und Verweisen, er macht selbstreferenzielle Scherze und durchbricht die vierte Wand. Magelli und die allesamt furiosen Schauspieler halten die gewichtigen Elemente mit der Grazie von Jongleuren in Bewegung.

Caroline Hankes Elektra ist ein alterndes Kind, eine Trümmerfrau des eigenen Lebens, mit Trotz in der Kehle. Sie will den Tod ihrer Mutter Klytämnestra, denn diese hat mit ihrem Liebhaber Ägisth – hier demonstrativ eine Leerstelle – den König Agamemnon erschlagen. Friederike Tiefenbachers starke Klytämnestra ist eine ausgewachsene Diva, aber auch eine Frau, die sich von einem verhassten Mann befreit hat.

Strauss/Hofmannsthal vernachlässigten die Vorgeschichte: Agamemnon hatte, um Göttergunst für die Fahrt nach Troja zu gewinnen, seine Tochter Iphigenie auf den Opferaltar gelegt. Friederike Tiefenbacher erzählt das als Vision und Erinnerung zugleich. Die Fassade der Königin reißt auf, eine Kopplung von symbolhaften Videobildern, Schauspiel und Musik berichtet auch von Helena, um die der trojanische Krieg ausbrach und die Klytämnestras schöner Zwilling war. Das ist dichtes Erzählen und pure Theateralchemie. An anderen Stellen ist die Musik allerdings doch eher gewichtiges Zwischenspiel.

„Elektra“ ist auch clevere Comedy. Die Zeit fliegt, wenn Elektra, die zur Schande an einen Henker (Frank Genser) verheiratet wurde, an Schweinen das Schlachten lernt und sich im Mist lustvoll demütigt. Kerlin greift das antike Mittel des Chors auf. Bettina Lieder und Merle Wasmuth kommentieren unisono, schneiden Gesichter wie Pin-up-Girls, spucken Kalendersprüche aus: „Auf die Männer, die wir lieben, auf die Penner, die wir kriegen!“

Orest (Peer Oscar Musinowski) erscheint als männerbündischer Rucksacktourist (Kostüme: Leo Kulas), einen Freund im Schlepptau. Er redet viel und wühlt in Steinen, spät bringt er’s auf den Punkt: Was er tut, ist vorherbestimmt. „Orest ist eine Marke.“

Zum Ende überdrehen Kerlin und Magelli die Referenzschraube. Nach erfolgtem Muttermord tritt der schweigsame Freund in Aktion, als Tod. Carlos Lobo macht auf Death Metal, kommandiert die Schauspieler zum Sterben ab, streut Begräbnisblumen, verreißt das Stück und will alle Menschen umbringen. „Alles scheiße“, brüllt er, „Nihilismus – superscheiße!“ Da wollen Kerlin/Magelli das Stück unbedingt noch wuchtiger machen. Auch die politische Aktualisierung („Lügentheater!“) ist nicht mehr notwendig. Denn hier macht der Schrecken Spaß, und der Spaß wird im Shakespeare-Sinn unendlich. Die Dortmunder „Elektra“ ist ein wütender Spaß.

13., 28.2., 1. 12.3., 15., 24.4.,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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