Ein Besuch in der Pfarrkirche am Möhnesee

St. Pankratius in Körbecke: Prächtige Barockausstattung ist ungewöhnlich für das Sauerland

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Strafe für einen Ketzer: Die Figur des mittelalterlichen Wanderpredigers Tanchelm stützt die Kanzel.

Körbecke - Die prächtige Barockausstattung der St. Pankratius Kirche in Körbecke ist ungewöhnlich für das Sauerland. Von den Engelsköpfen an den Wangen der Bänke vorbei an Strahlenkranzmadonna und Kanzel hin zum Hochaltar hat das Gotteshaus seinen Charakter aus dem frühen 18. Jahrhundert bewahrt.

„Eine Kirche mit dieser barocken Ausstattung würde man eher in Bayern als im Sauerland erwarten“, sagt Hermann-Josef Dregger. Er steht zwischen den geschnitzten Kirchenbänken in St. Pankratius, der katholischen Pfarrkirche von Körbecke am Möhnesee. Barock, wohin das Auge schaut. 

Erst auf den zweiten und dritten Blick fallen die feinen Details auf. Die Engelsköpfe an den Wangen der Kirchenbänke, von denen keiner dem anderen gleicht. Die Inschriften auf den Lehnen der Kirchenbänke. Die raffinierten Ornamente an der Kanzel. Die symbolträchtigen Heiligenfiguren am Hochaltar. 

Jeder sieht anders aus: Engelsköpfe zieren die Wangen der Kirchenbänke.

„Man kann St. Pankratius auch alleine besichtigen, aber mit einer Führung hat man mehr davon“, sagt Dregger. Der Heimatforscher, der beruflich als Verwaltungsangestellter arbeitet, hat einen Großteil seiner Freizeit der Körbecker Pfarrkirche verschrieben. „Ich bin damit aufgewachsen, sie ist wie mein zweites Wohnzimmer.“ 

Ursprünge reichen bis ins Mittelalter zurück

Er hat über sie geforscht, er dient dort als Ministrant, er kann ihre Geschichte erzählen. Und die Geschichte jener drei Männer, die für das reiche barocke Innenleben verantwortlich zeichneten. Die Ursprünge von St. Pankratius reichen ins Mittelalter zurück. „Genau datieren lässt sich das nicht, weil es keine verlässliche Quelle über Entstehung Körbeckes gibt“, so Dregger. 

Ältester Teil des Gebäudes ist der Kirchturm, der etwa in der Mitte des 12. Jahrhunderts errichtet wurde. Aus dieser Zeit stammen auch die romanischen Säulen an den Fenstern. Sie wurden 1981 bei einer Renovierung des Turmes freigelegt. 

Über das weitere Schicksal des romanischen Kirchbaus ist nicht viel bekannt. 

Beim Schützenfest geriet Kirche in Brand

Überliefert ist dagegen, dass der Kirchenvorstand 1702 befand, die damals vorhandene Kirche sei für den Ort zu klein geworden. Ein Neubau wurde beschlossen und am 13. Juli 1710 geweiht. Fünf Jahre später brach ein Unglück über Körbecke und seine neue Kirche herein. Beim Schützenfest am 11. Juni 1715 setzte ein missglückter Schuss ein Strohdach in Brand. Das Feuer zerstörte etwa 40 Häuser. Irgendwann griffen die Flammen auf die Kirche über und brachte ihr Bleidach zum Schmelzen. 

Ab diesem Punkt gibt es zwei Versionen: Dem Körbecker Volksmund zufolge brannte die Kirche vollständig ab. „Dagegen sprechen neue Indizien, die wir bei der jüngsten Kirchenrenovierung entdeckt haben“, sagt Hermann-Josef Dregger. Das war zwischen 2010 und 2012. Unter anderem wurde das Kirchengestühl um zwei Bänke verkleinert, damit der Chorraum etwas vergrößert werden konnte. 

Die Brandflecken auf der Kirchenbank könnten vom Feuer im Jahr 1715 stammen.

Bevor die überflüssigen Bänke im 2018 vollendeten Oratorium eine neue Heimat fanden, wurden sie restauriert. Dabei kamen Brandflecken zum Vorschein. Brandflecken, wie sie durch geschmolzenes Blei entstanden sein können, das von der Decke herabtropfte. „Diese Bänke müssen also den Brand von 1715 überstanden haben“, sagt Dregger. 

Neugestaltung mit rheinischem Humor 

Er selbst erstellte vor einigen Jahren ein vollständiges Verzeichnis aller Stifternamen, die auf die Rückenlehnen der Bänke geschnitzt wurden. „Darunter ist ein Mann, der 1714 gestorben ist; er kann die Bank also nach 1715 nicht mehr gestiftet haben.“ Offenbar sei die Kirche durch das Feuer zwar beschädigt worden, aber nicht komplett abgebrannt. 

Die Schäden erforderten eine Neugestaltung der Kirche. Für diese Aufgabe fanden sich drei Männer zusammen, die „sich offenbar sehr gut verstanden haben“, wie Dregger sagt. Da war zunächst der Hausherr, Pfarrer Dr. Franz Bernhard Mappius, den es aus dem Rheinland ins Sauerland verschlagen hatte. 

Für die Ausfertigung verpflichtete er den Holzbaumeister Heinrich Stütting aus Bilme, heute ein Ortsteil der Gemeinde Ense im Kreis Soest. Dritter im Bunde war der Vikar Johannes Georg Wiese. Die Ideen der beiden Geistlichen formte Stütting zu einer Art theologischem Bilderbuch aus Holz. 

Das Wort Gottes auf seinen Schultern

Es lässt erkennen, dass Mappius und Wiese belesene Männer waren, wobei der Pfarrer noch eine gute Portion rheinischen Humors ins Spiel brachte. Sparen mussten die drei nicht; Körbecke war eine vermögende Pfarrei, reich an Ländereien und Wald. Außerdem schoss Mappius eigenes Vermögen zu. 

So werden die Besucher vorne im Kirchenschiff von einer Strahlenkranzmadonna empfangen, die vom Gewölbe herabhängt. Sie wurde von Mappius gestiftet und trägt daher im unteren Teil sein Wappen. Das Spalier der Engelsköpfe an den Kirchenbänken geleitet die Kirchgänger in Richtung des Hochaltars. 

Kurz davor verdient Stüttings hölzerne Kanzel eine genaue Betrachtung. Sie lastet schwer auf einer Figur mit krampfhaft gebeugten Schultern. Es handelt sich um den Wanderprediger Tanchelm, der um 1200 herum Irrlehren in Flandern verbreitete. Zur Strafe, so die Legende, musste er das Wort Gottes auf seinen Schultern tragen. 

„Und das Wort Gottes wurde früher von der Kanzel gepredigt“, erklärt Dregger. Dann deutet er auf eine skurrile Szene an der Kanzel, die man im Gedränge der Ornamente übersehen kann: ein Kranich mit einem Porträt des Pfarrers Mappius auf seiner Brust. Der Vogelschnabel beißt dem Geistlichen kräftig in die Nase. 

Für den Barock typische Mittelachse

Dregger vermutet, dass der spottlustige Rheinländer Mappius sich und seinen Amtskollegen hier einen Spiegel vorhalten wollte. Nach dem Motto: Bevor du anderen predigst, wie sie sich verhalten sollen, fass dir an deine eigene Nase. Der Hochaltar verdichtet die christliche Botschaft. 

Es gibt, typisch für den Barock, eine prägnante Mittelachse. Im unteren Bereich steht die Kreuzigung als Kern des Christentums. Darüber präsentiert sich der gerüstete Kirchenpatron Pankratius als Kämpfer für den Glauben, und ganz oben zeigt sich der auferstandene Christus zwischen Maria und Johannes dem Täufer, den Fürsprechern der Menschen beim Jüngsten Gericht. 

Von außen wirkt die Kirche eher unscheinbar.

Seitlich der Mittelachse ließ Stütting verschiedene Heilige als Glaubenszeugen aufmarschieren, darunter Rochus, Sebastian, Laurentius und Stephanus. Den Sockel des Altars widmete Stütting den vier Kirchenvätern – Augustinus, Gregor dem Großen, Hieronymus und Ambrosius. Mitten unter ihnen setzten sich Pfarrer Mappius und sein Vikar Wiese ein Denkmal.

Mappius prangt an prominenter Stelle neben Papst Gregor und hält ihm den Papststab. „Der Papst weiß die Kirche beim Körbecker Pfarrer in guten Händen, und der Pfarrer hält dem Papst die Hände frei“, interpretiert Dregger die selbstbewusste Szene. Vikar Wiese hat sich den nächsthöchsten Kirchenvater ausgesucht, den Kardinal Hieronymus. Stolz präsentiert er sich neben dessen Symbol, dem Löwen. 

Der findet sich wieder nahe dem Kirchenausgang, auf dem Grabstein des Vikars. Hier schließt sich der theologische Kreis der barocken Ausstattung. Zusätzlich zu dem Löwen, der noch einmal auf den Kirchenlehrer Hieronymus verweist, ließ Wiese auf dem Stein ein Buch einmeißeln – als Zeichen der Weisheit und der göttlichen Offenbarung.

Quelle: wa.de

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