Panizzas „Liebeskonzil“ am Theater an der Ruhr

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Fromme Momente: Szene aus Oskar Panizzas „Liebeskonzil“ am Theater an der Ruhr in Mülheim. ▪

Von Annette Kiehl ▪ MÜLHEIM–Die Schuld will der Herr Pfarrer auf sich nehmen. Auch die Sünde ist er bereit zu tragen. Das verspricht Hochwürden seiner schwangeren Haushälterin Ambrosia, während diese ihre Hände in seinem Schritt vergraben hat.

Im Himmel ist es mit der Moral jedoch nicht viel weiter her als in diesem Pfarrhaus: Hier regiert eine geradezu schrecklich nette Familie: Der lahm umher schlurfende Gottvater dirigiert die Lobeshymnen auf ihn widerwillig mit dem Krückstock, die Jungfrau Maria ist ein wenig zickig und vor allem damit beschäftigt, ihre protzige Krone auf dem Kopf zu halten. Und ihr Sohn? Ein ziemlich wehleidiges Jüngelchen.

So skizzierten Heinrich Lautensack und Oskar Panizza vor rund hundert Jahren unabhängig voneinander in ihren Dramen das religiöse Treiben im Himmel und auf Erden. Das Mülheimer Theater an der Ruhr hat Lautensacks „Pfarrhauskomödie“ und Panizzas „Liebeskonzil“ zu einem Stück miteinander verflochten. Thomaspeter Goer gens Inszenierung „Das Liebeskonzil“ verbindet so clowneske Komödie und durchaus ernsthafte Kritik zu einem satirisch zugespitzten Abend.

Hier nimmt die himmlische Familie das sündige Treiben im Pfarrhaus zum Anlass, mit dem Teufel zu verhandeln. Er soll schreckliche Strafen für die Verfehlungen der Menschen erfinden, sie aber nicht vernichten. Schließlich ist die Schöpfungskraft des alten Gottvaters längst aufgebraucht. So muss er mit den Menschen leben, die nun einmal schon da sind.

Goergen nutzt diese Ideen von Panizza und auch Lautensack, spitzt sie jedoch weiter zu und arbeitet die Komik hervor. Das gelingt ihm und dem temporeich agierenden Ensemble immer wieder sehr schön, auch wenn manches – wie ein immerzu nackt durch das Himmelsreich rennender Engel – bald überstrapaziert wirkt.

Unterstützt wird diese Inszenierung vor allem durch das pointierte Bühnenbild von Gralf-Edzard Habben und die Kostüme von Heinke Stork. Der große Torbogen mit verschwommenen Hintergrund, die gepunktete Tapete und der grasgrüne Teppich deuten gleich in der ersten Szene auf die ins Schrille gedrehte Alpenidylle, welche die Kulisse für das unmoralische Leben im Pfarrhaus bildet. Die schwangeren Köchin Ambrosia wird hier bald – in jeder Hinsicht – von der Haushälterin Irma abgelöst. Mit knappem roten Dirndl, roten Lackpumps und rot geschminkten Lippen nur vermeintlich züchtig bekleidet, steht sie für die Doppelmoral, die hier gepflegt wird. Simone Thoma spielt die Haushälterin mit lakonischen Gesichtsausdruck und spitzer Betonung des bayerischen Dialekts und zeigt damit eine für sie ungewohnt komische Spielkunst. Dabei wirkt ihr Witz nicht leicht und unbedarft, stets bleibt ein kritischer Unterton.

Die Verbindung der „Pfarrhauskomödie“, mit der Heinrich Lautensack 1911 seine persönlichen religiösen Konflikte ausdrückte, und Oskar Panizzas lange zensiertem „Liebeskonzil“ von 1894 funktioniert weitgehend wunderbar und logisch, bleibt teilweise aber auch rätselhaft. Worin sich die Strafen des Teufels für die sündigen Menschen genau ausdrücken, kann man nur vermuten. Ist es der Zweifel? Oder doch die Syphilis, die Panizza vorsah? Auch die finale Vereinigung der Figuren aus der irdischen und himmlischen Familie unter dem blauen Rock der Jungfrau Maria lässt einige Fragen offen und erschlägt auch ein Stück weit die Komik, die das Stück selbst in den ernsten Szenen prägt. Das ist schade, vor allem, weil sich kurz vor Schluss noch eine Art Moral der Unmoralischen heraus kristallisiert. Kuchen essend ist die Familie da an der großen Tafel versammelt und der Priester zieht das Fazit seines religiösen Weltbildes: „Das oberste Gebot bleibt die Verschwiegenheit!“

23.9., 21.10,

Tel. 0208/5990188,

http://www.theater-an-der-ruhr.de

Quelle: wa.de

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