Otto Modersohn im Hagener Karl-Ernst-Osthaus-Museum

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Winterlicht in Westfalen: Otto Modersohns „Kirchgang“ (1888) ist in Hagen zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ HAGEN–Immer neue Schattierungen von Weiß findet Otto Modersohn im Gemälde „Kirchgang“, um dem Betrachter auf weniger Fläche als einem Din-A4-Blatt die kalte, blendende Weite eines Neujahrstags in Westfalen zu vermitteln. Graue Schatten umfangen karges Gestrüpp. Eine Fahrspur zieht sich in frischerem Weiß über den geschwungenen Weg. Mit wenigen Strichen deutet der Künstler kahle Bäume an. Und in der Ferne ragt ein kompakter Kirchturm über ein Dorf. Ein Paar, schwarz gekleidet, sehen wir unsicher durch den Schnee staksen. Ein Stück weiter ahnt man ein weiteres. Jeder für sich auf dem Weg zu Gott. Wobei Modersohn den Kirchturm erfunden hat.

Das Gemälde ist in der Ausstellung „Otto Modersohn – Landschaften der Stille“ zu sehen, die das Hagener Karl-Ernst-Osthaus-Museum zeigt. Es ist die erste umfassende Werkschau des Künstlers seit 35 Jahren, zu sehen sind 265 Gemälde und Zeichnungen. Das Otto-Modersohn-Museum in Fischerhude half, die Schau zu einer echten Retrospektive auszubauen.

Kunstfreunde kennen ihn heute mehr als Mann der früh verstorbenen Paula Modersohn-Becker. Zumal seine oft kleinformatigen Landschaftsbilder so leise daherkommen. Man tut sich schwer, ihn der Kunstgeschichte einzupassen. Er berief sich auf die Freilichtmaler der Schule von Barbizon, auf Rousseau, Daubigny, Corot. Den Naturalismus lehnte er als „leidenschaftslos“ ab, ebenso die „Lichtmalerei“ des Impressionismus. Sein Ziel sei es, die Natur „zu beseelen“, erklärt der Künstler. „Bilder, die zur Stille führen, sind mir die liebsten“, notiert er 1892 in seinem Tagebuch.

Die Stille als prägende Qualität findet man in vielen Bildern des gebürtigen Soesters. Schon das Winterbild zeigt ja die Menschen für sich, isoliert, vielleicht wie sie aus der Kälte in die Wärme des Glaubens streben. Diese Art der Beseelung kennt man aus der Malerei der Romantik, auch bei Caspar David Friedrich stehen überall Kirchen, Kapellen, Kruzifixe. Modersohn (1865–1943) verließ mit seiner Familie schon als Neunjähriger seine Geburtsstadt, zog um nach Münster. Aber er kehrte zurück, malte den Petriturm, den großen Teich, einen alten Friedhof, eine Korndieme (alle 1888). Die Bilder sind klein, die Motive liegen in der Nähe. Er sucht nicht äußerliche Reize, begnügt sich mit den Landschaften, statt dramatische Historienszenen zu entwerfen. Die Wertschätzung der Landschaft mag er von der Akademie in Düsseldorf mitgebracht haben, wo er studierte.

1889 kam er nach Worpswede, das ihn gleich faszinierte, und wo er mit Gleichgesinnten eine Künstlergemeinschaft gründete. Noch mehr als in Westfalen ist die Landschaft unspektakulär. Moor. Flachland, rhythmisiert durch die Striche der Birkenreihen. Man hat in der Ausstellung nicht den Eindruck, dass Modersohn je an seinem Thema unsicher geworden wäre. Die Natur wird ihm nie langweilig, und er entdeckt die Schönheit eines Birkenstamms in Nahsicht (um 1894), ein schlankes Hochformat, das wie eine malerische Umarmung wirkt.

Auch wenn sein Horizont eng bleibt, reagiert er doch sensibel auf seine Zeit. Die großen Schulen lehnte er ab. Aber wie er das Licht behandelte, wie er mit flüchtigen Strichen die Bewegung der Blätter und Gräser notierte, das verbindet ihn schon mit den Impressionisten. Als 1911 nationalistische Künstler gegen den Ankauf eines Bildes von van Gogh durch die Kunsthalle Bremen protestierten, da gehörte Modersohn zu den Fürsprechern der französischen Moderne. Dass er rückhaltlos die Kunst seiner Frau Paula Modersohn-Becker würdigt, sie stets ermutigt und nach ihrem frühen Tod 1913 eine erste große Ausstellung bei Karl Ernst Osthaus in Hagen organisiert, zeigt seine Offenheit.

Man muss schon sehr genau hinschauen, um die Wandlungen über mehr als 50 Jahre künstlerischer Arbeit zu bemerken. Eigentlich überwiegen die Ähnlichkeiten. Wie er die unauffälligen Erscheinungen der Welt ernst nahm, das macht seine Kunst aus. Um 1890 porträtiert er eine Wolke als Spiel der Grauschattierungen, unterbrochen von einem Streifen Grün unten und Blau oben. Um 1898 zeigt er den Weyerberg als Wirbel von Grau-, Gelb-, Brauntönen. Später, als nach Fischerhude weitergezogen war, 1911, malte er den „Bauerngarten mit Insel“ als rhythmisierte grüne Fläche. Man mag da an Monet denken. Und noch später, als die Nazis die Macht übernommen und auch die Kunst Paulas als „entartet“ verboten hatten, da fällt er in einen kleinteiligen Realismus zurück.

Seine Kunst stand neben seiner Zeit, zur Avantgarde gehörte Modersohn nie. Aber die Intensität, mit der er auf die Natur reagierte, die spürt der Betrachter heute noch.

Otto Modersohn im Karl-Ernst-Osthaus-Museum Hagen. Bis 21.4., di, mi, fr 10 – 17, do 13 – 20, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 02331 / 207 31 38,

http://www.osthausmuseum.de,

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 28 Euro. Ergänzend sind Werke von Paula Modersohn-Becker ausgestellt.

Quelle: wa.de

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