Otto Beatus zelebriert in „Nowhere Men“ den Rock der 1960er in Oberhausen

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Kleine Leuchtskelette und großer Krach: Szene aus „Nowhere Men“ in Oberhausen mit Peter Engelhardt und Sergej Lubic.

Von Ralf Stiftel

Oberhausen - Am Eingang verteilen sie Ohrstöpsel im Theater Oberhausen. Laut wird es, wenn Otto Beatus den Sixties huldigt, der Aufbruchsphase der Rockmusik, mit dem etwas irreführenden Titel „Nowhere Men“. Denn die Beatles spielen hier eher eine Nebenrolle, auch wenn der titelgebende Song nach der Pause angestimmt wird, und die Schauspieler tragen dazu unförmige Kartons mit aufgemalten Anzügen, als seien sie einem Pop-Zeichentrickfilm entsprungen.

Doch eigentlich geht es um die viel wilderen, zum Teil vergessenen Bands, die so viel mehr für den Aufstand einer Generation standen. Wer kennt heute noch The V.I.P.’s , die programmatisch sangen „I Wanna Be Free“? Otto Beatus geht zum Ende des Jahres in Rente. „Nowhere Men“ ist sozusagen sein Abschiedslied. Und ein persönliches Statement, eine Rückschau auf die Epoche, die ihn musikalisch prägte.

Und was war das für eine gewaltige Zeit! Beatus beschwört seine Helden. Man sieht das an der Einblendung der Titelseite des Daily Mirror mit der Todesmeldung von John Lennon, als sie dessen „Working Class Hero“ singen. „Death Of A Hero“ titelte das britische Blatt. Bob Dylan ist mehrfach vertreten, unter anderem mit einer furiosen Unplugged-Version von „It’s All Right, Ma“, in der Jürgen Sarkiss sich mitreißend die Wut der frühen Jahre draufschafft. Und die „Who“ werden zelebriert, die in „My Generation“ sangen „Hope I Die Before I Get Old“, und das drückt das Publikum in die Sessel bis hin zu John Entwistles knallendem Bass-Solo, das Volker Kamp hier authentisch reproduziert.

Diese Art klanglicher Rückbesinnung ist gerade angesagt. Coverbands tingeln erfolgreich durch die Clubs der Republik. Sie schenken dem Publikum die Begegnung mit Bands, die es zum Teil schon lange nicht mehr gibt. Und Theater bieten Liederabende an, oft thematisch sortiert, wie Franz Wittenbrinks „Sekretärinnen“ oder „Männer“. Da fügen sich die Lieder mosaikartig zu einer Erzählung.

Otto Beatus denkt mehr von der Musik her, zum Beispiel bei dem Abend „Never Too Loud“, einer Hommage an Velvet Underground, auch sie Größen der 1960er Jahre. Der Pianist, Autor und Regisseur des Abends formt aus knapp 30 Songs eine Bilderfolge, die gerade kein geschlossenes Stück ergibt, keine illustrierte und klingende These. In „Nowhere Men“ steht jeder Titel für sich. Die szenischen Zutaten, die Kostüme (Mona Ullrich) und das Bühnenbild (Stefanie Dellmann), die Videoeinspielungen sollen assoziativ eine Stimmung herstellen, in der man einfach genießen kann.

Beatus, seine vier Mitmusiker und die fünf Schauspieler halten geschickt die Balance zwischen Nostalgie und Neudeutung. Natürlich steht im Zentrum, dass ein Klangbild möglichst treu wiedergegeben werden soll, der harte, knallige Rock der Vorcomputer-Zeit, den vor allem die Gitarre prägte. Da erweist sich die Band als extrem leistungsfähig, Peter Engelhardt konkurriert bei seinem Solo in „White Room“ immerhin mit Eric Clapton – und kann sich allemal hören lassen. Aber sie covern nicht nur, sie deuten auch neu, den Dylan-Song mit seinen Texttiraden zum Beispiel, aber auch David Bowies melancholisches „The Man Who Sold The World“, dem die Sänger ein ganz anderes Timbre verleihen.

Und die Akteure zitieren in Masken, Gesten und kurzen Zitaten von Lennon, Ernst Bloch, Gudrun Ensslin Momente der Ära. Canned Heats Drogensong „Amphetamine Annie“ übersetzen sie in eine bizarre Kaffeetafel-Fantasie mit Peter Waros und Sergej Lubic in Höhere-Tochter-Kostümen. Am Anfang scheinen sie eine Schwarze Messe zu zelebrieren vor einer gekreuzigten Grinsepuppe, dann schwingen sie Samurai-Schwerter. Anja Schweitzer, die meistens als Mann mit aufgemaltem Bart daherkommt, trägt den „Doors“-Song „When The Music’s Over“ im Latexanzug auf Lady-Gaga-hohen High Heels vor. Und manchmal sitzt Eike Weinreich einfach nur vorn, trinkt aus der Wodkaflasche und raucht. Beatus, in einer Jacke mit einer Epaulette, dirigiert vom Piano aus.

Ein mitreißender Abend, der an die Zeit erinnert, als es noch Rebellen gab und Freiheit möglich schien. Großer und lang anhaltender Jubel.

24.4., 2., 28.5.,

Tel. 0208/ 85 78 184,

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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