Oper von Michael Nyman am Prinz Regent Theater Bochum

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Wer bin ich, was sehe ich? Szene aus der Kammeroper „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ mit Patrick Ruyters ▪

Von Edda Breski ▪ BOCHUM–Die Grauzone zwischen Genie und Krankheit ist ein dankbares Sujet für die Kunst. Das Bochumer Prinz Regent Theater behandelt das Thema mit einer Oper von Michael Nyman („Das Piano“).

„Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“, ist der Sänger P., der aus dem Weltkriegs-Europa in ein Künstlerleben in der Neuen Welt floh. Dort verschieben sich die Parameter seines Lebens ein zweites Mal. P. leidet an einer neuronalen Störung, die seine visuelle Wahrnehmung auf Formen beschränkt. Eine Rose, einen Handschuh, das Gesicht seiner Frau erkennt er nicht. P. (Patrick Ruyters) funktioniert mit Hilfe seiner Frau (Meike Albers) scheinbar normal. Beide summen Schumann-Fragmente, während sie um ihn kreist. Nyman mischt Zitate aus den Liedern Robert Schumanns, eines Mannes, dessen Leben der Krankheit immer näher kam, mit dem strukturellen Ansatz, der kreisenden Thematik der Minimal Music.

Der authentische Fall P.s wurde durch den Neurologen Oliver Sacks behandelt. Auf seinem Bestseller von 1985 beruht die Oper. Sie ist im Prinzip die Anatomie eines neurologischen Falls übersetzt in kompositorische Struktur, kombiniert mit einer Bühnenhandlung. So belässt sie Sibylle Broll-Pape in ihrer Inszenierung. Für das Getrenntsein des Patienten von den Wahrnehmungsmodi der Umwelt findet sie eine Metapher in Form eines schräg gehängten Kubus. Auf seine Flächen werden Regieanweisungen projiziert und Abbildungen, die zu weißem Rauschen zerstieben. Als magischer Würfel verbildlicht der Kubus die Mühe des Kranken, Wahrnehmung und Umwelt zur Deckung zu bringen.

Sieben Musiker der Bochumer Sinfoniker unter Harry Curtis verleihen den in sich kreisenden Themen, dem um Ruheinseln herum vorwärts treibenden Puls der Musik Volumen. Die fünf Streicher, eine Harfenistin und eine Pianistin gestalten die Partitur so plastisch wie möglich. Die Kooperation zwischen Prinz Regent Theater und BoSys bringt regelmäßig Interpretationen wenig bekannter Kammerwerke hervor. Junge Sänger übernehmen die Rollen des Patienten, seiner Frau und des Neurologen. Joan Ribalta findet als Dr. S. einen besorgt-engagierten Tonfall, ihm gelingen auch die langen Erzählsequenzen überzeugend. Meike Albers ist mit Perlenkette und akkurater Frisur ganz umsorgende Ehefrau. Albers hat viel in der Höhe zu singen. Ihr Sopran klingt etwas gläsern. Als P. gibt der Bariton Patrick Ruyters einen Erstaunten, der nur langsam begreift. Ruyters ist stimmlich gut disponiert und auch ein guter Darsteller; er vermittelt die Anstrengung, die es den P. kosten muss, weiter zu funktionieren.

Musik und Fallanalyse bleiben Beschreibung, die gern hätte ausgelotet werden dürfen. Zum Beispiel darauf hin, ob man eine Parallele ziehen kann zwischen der Wahrnehmung eines hochbegabten Musikers und der eines Erkrankten, der seine Weltkonstruktion mühsam an die Wahrnehmung anderer annähern muss – damit ließe sich dann der Normalitätsbegriff an sich hinterfragen.

1., 2., 3.6.,

Tel. 0234 / 77 11 17,

http://www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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