Die Oper Dortmund zeigt „Carmen“ von Georges Bizet

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Don José (Christoph Strehl) ist für Carmen (Ileana Mateescu) vom Grenzer zum Menschenschmuggler geworden. Eine Eifersuchtsszene in der Dortmunder Bizet-Inszenierung.

Von Elisabeth Elling -  Dortmund Das muss man hören und sehen: Wie Regisseurin Katharina Thoma aus Georges Bizets „Carmen“ ein heutiges Drama macht. Und wie die Oper in Dortmund gesungen und musiziert wird. Eine fantastische Produktion.

Thoma verlegt die Geschichte aus der Flamenco-Folklore Sevillas in ein Grenzgebiet zwischen Erster und Dritter Welt, vielleicht ist es Mexiko oder eine der spanischen Enklaven in Nordafrika. Die Bühnenräume von Julia Müer bilden aus Wellblechhütten und Stacheldraht die staubig-heiße Tristesse eines Kaffs im Niemandsland nach. Carmen ist hier keine Zigeunerin im Rüschenrock, die sich als Heroine weiblicher Unabhängigkeit und selbstbestimmter Sexualität behaupten wird (womit sie ein erotisches Idol wurde). Sondern eine Frau in prekären Verhältnissen, die sich Gefühlsduseleien nicht leisten kann und die mit dem Schleusen von Flüchtlingen ihren Lebensunterhalt aufbessert. Im dritten Akt trägt sie eine wattierte Jacke gegen die nächtliche Kälte am Grenzstreifen (Kostüme: Irina Bartels).

Ileana Mateescu verkörpert diese Figur mit großer Präsenz. Die rumänische Mezzosopranistin verstrahlt in allen Lagen ein fesselndes Charisma: Ihre Stimme formt coole Dreistigkeit, grelle Todesahnung und pure Daseinsfreude, kann sich aber auch in halblauten Drohgebärden verdunkeln. Mateescu ist eine außergewöhnliche und eindrückliche Carmen.

Glänzend auch Christoph Strehl als Don José, der für Carmen von den Grenzsoldaten zu den Schleusern desertiert und mit diesem (gar nicht so freiwilligen) Opfer sein Besitzrecht an Carmen begründet. Strehls Tenor beglaubigt diesen Liebeswahn in Don Josés großen Arien mit Schmelz und lyrischer Kraft.

Morgan Moody als Don Josés Konkurrenz Escamillo gibt einen überwiegend tadellosen Torero, Christian Sist ist ein angemessen fieser Grenzkommandant. Ganz so mühelos kann Christiane Kohl in der Partie der biederen Michaela zunächst nicht bestehen, doch singt sie sich im dritten Akt frei. Die musikalische Klasse dieser Produktion bestätigen auch Opern-, Extra- und Opern-Kinderchor (Einstudierung: Granville Walker, Zeljo Davutovic).

Die Dortmunder Philharmoniker spielen die Melodien der angeblich populärsten Oper der Welt mit wohltuend kühler Präzision und bügeln damit manchen abgenudelten Hit frisch auf: In Carmens Habanera („L’amour est un oiseau rebelle“) vermeidet GMD Gabriel Feltz die gern gewählten lasziven Tempoverschleppungen. Dem Torerolied schleift er die kantigen Marsch-Ecken ein wenig rund. Und die Provokationen des Torero gegenüber dem eifersüchtigen Don José lässt er von den Bläsern höhnisch zuspitzen.

Das Beziehungsgeflecht der „Carmen“ aus Begehren, Eifersucht und Berechnung vergegenwärtigt Katharina Thoma mit einem jederzeit überzeugenden szenischen Konzept. Ihre Grenzgänger und Menschenschmuggler aktualisieren auch jenen Realismus, der bei der Uraufführung 1875 das „Carmen“-Publikum irritierte.

Thoma geht es dabei nicht um politisch korrekte Dekoration. Sie tauscht nicht Zigeuner-Romantik gegen ein selbstloses Gutmenschentum von Carmen und ihren Kumpanen: Bei jedem Emigranten, der durch das Loch im Grenzzaun geschlüpft ist, wird abkassiert, später der Erlös aufgeteilt – jeder muss schließlich sehen, wo er bleibt. Das Dasein von Carmen und ihren Freundinnen ist geprägt von mieser Arbeit (in der Zigarrenfabrik) und dem Machismo der Männer (Soldaten wie Schmuggler). Entsprechend rau ist der Ton; Thoma lässt die französischen Texte frei übertiteln: Carmen beschimpft den zögerlichen Don José als „Rohrkrepierer“ und „Weichei“.

Die Oper

Ein einleuchtendes szenisches Konzept, gute bis glänzende Stimmen, ein prall und präzise musizierendes Orchester in der Oper Dortmund: Diese Carmen sollte man nicht verpassen.

9., 15., 21. Februar; 5., 8., 16., 23., 27. März, 20. April, 5. Juli

Tel. 0231/ 5272222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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