Ohad Naharins Choreografie „Deca Dance“ im Aalto-Theater

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Bewegungen in Vollendung: Szene aus „Deca Dance“ des Choreografen Ohad Naharin am Essener Aalto-Theater.

Von Edda Breski Essen - Vom Tanzboden auf die Bühne ist es ein weiter Schritt, und nicht jeder hat den Mut dafür. In Essen erklimmen einige Menschen aus dem Publikum die Rampe und treten ins Licht, geführt von Tänzern des Aalto-Ensembles.

Marushas „Somewhere over the rainbow“ pumpt aus den Lautsprechern, eine ältere Dame lächelt und wagt ihre ersten Schritte. Spätestens in diesem Moment ist das Publikum verzaubert. Da tanzen Normalos neben Profis, der Techno schwingt in einen Mambo aus, die ungleichen Paare drehen sich. Die Dame wird zum Schluss zwischen lauter anzugtragenden Tänzern stehen, die wie aus heiterem Himmel auf dem Boden verstreut liegen. Mehr Verlockung zum Tanz geht nicht.

Am Aalto-Theater in Essen ist der Tanzabend „Deca Dance“ zu sehen. Die Aalto-Compagnie zeigt Choreografien des israelischen Tanzschaffenden Ohad Naharin. Der hat in den 90er Jahren den Ga Ga-Stil entwickelt, der bewusste, vom Ansatz bis zur Vollendung individuell gefühlte Bewegung verbindet mit enorm dichter Gruppenarbeit und explosionsartigen Ausbrüchen freudiger Energie. Man kann den Tänzern zusehen, wie sie einen Arm dehnen, ein Bein strecken und die Bewegung spüren. Naharin arbeitet mit der Spannung zwischen Dehnung und Ausbruch. Er hat unter anderem bei Martha Graham gelernt, die Einflüsse erkennt man deutlich, vor allem in den reinen Frauenszenen. Da ist auch viel klassische Technik, man sieht den kraftvollen, klaren Stil der American Ballet School. Die Klassik wird aber weniger aus der reinen Körperbeherrschung heraus gedacht denn aus der individuellen Bewegungserfahrung der Tänzer.

„Deca Dance“ ist teils ein Gruppenerlebnis, aber zum größtenteil eine starke Performance, die im Spannungsfeld zwischen Gruppe und Einzelnem und zwischen Moderne und Nostalgie verortet ist. Man sieht Eintänzer, die versunken zu Latinorhythmen tanzen. Ein Duett zu einer Arie aus Vivaldis „Stabat Mater“ zeichnet die Spannung zwischen Mann und Frau nach: Denis Untila verfolgt Michelle Yamamoto mit bittend erhobenen Händen, sie entzieht sich lockend – bis sie ihn anspringt. Die beiden tanzen Drama, Hoffen und Freude. Die Aalto-Tänzer dehnen sich in ihre Bewegungen hinein, lassen sie sprechen. Es gibt sinnliche Augenblicke, es gibt Witze und Scherze, kleine Cartoons, in denen ein Tänzer fällt, sich aufrappelt und seinen Anzug zurechtrückt, als sei nie was gewesen. Oder ein Tänzer umschnuppert den Fuß seiner Partnerin, schlängelt sich auf dem Boden um sie herum – dann gibt’s einen Break, und die Beats klopfen weiter.

Naharin benutzt lateinamerikanische und traditionelle jüdische Musik wie das „Hava Nagila“. „Echad mi yodea“ ist ein Wiederholungsgesang, der hebräische Glaubensgrundsätze mit hartem Beat verbindet. Dazu hat Naharin eine wunderbare Szene geschaffen: 20 Tänzer sitzen auf Stühlen im Halbkreis, brechen in synchrone Bewegung aus und werden wie von einer Druckwelle nach vorne geschleudert. Was für eine ungeheure Kraft!

Mit einer Szene voll liebevoller Selbsterfahrung fängt „Deca Dance“ an: Denis Untila steht an der Rampe, schaut in den Zuschauerraum, der sich eben füllt, wie in einen Spiegel und ruckt zu Cha-Cha-Musik mit Hüften und Schultern, als wolle er testen, wie er so ankommt. Auf einmal rastet er aus, wirft sich auf den Boden und dreht sich wie ein frühlingsverrückter Breakdancer, springt auf, deutet eine klassische Attitude an, wirft die Arme in die Luft und zappelt hemmungslos ab. Die Grenze zwischen Zuschauern und Tänzern wird mehrmals aufgehoben an diesem Abend, durch den der Zuschauer auch durch eine sparsame, aber effektvolle Lichtregie geleitet wird. Verantwortlich dafür ist Avi Yona Bueno, der früher für The Cure und Pink Floyd gearbeitet hat.

Magisch ist der Auftritt von fünf Männern in fließenden Hosenröcken, die sich zu einer Gruppe finden und gemeinsam wirbeln und springen, eine Metaphysik der Teilchen.

30.4., 2., 4., 8., 10., 16.5., 1., 9., 21., 22.6.,

Tel. 02 01/81 22-200

www.aalto-ballett-theater.de

Quelle: wa.de

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