Oberhausens Kurzfilmtage werden 60 Jahre alt

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Aus einer Burlesk-Show: Der Film „Hiding in the Lights“ von Katrina Daschner, zu sehen in Oberhausen.

Von Achim Lettmann -  OBERHAUSEN 60 Jahre sind diesem Festival nicht anzumerken: ein Multiplexkino mit Atmosphäre, perfekte Projektionstechniken, experimentelle Filmkunst, Musikvideos, Erzählformen, DJ-Profile in der Festival-Bar, Diskussionsrunden, Poetry Clip-Wettbewerb, Open Air, Kinder- und Jugendfilme, Preise. Die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen feiern ihren runden Geburtstag und strahlen in die Filmwelt.

George Lucas („Star Wars“) sandte eine Videobotschaft ins Ruhrgebiet. 1968 hatte er den Wettbewerb „Experimetalfilm“ gewonnen. Die Filmemacher Andreas Dresen, Werner Herzog, Klaus Lemke und István Szabó grüßten ebenfalls. Minsterpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) war bei der Eröffnung dabei. Auch weil die Kurzfilmtage zu den kulturellen Leuchttürmen aus NRW zählen. Eine große Geschichte!

Oberhausen hat sein Selbstverständnis stabilisiert, weil das Festival zum Leistungsträger der aktuellen Kurzfilmformen geworden ist. Die Digitalisierung hat für immense Quantität im Filmmarkt gesorgt. Oberhausen schafft Kriterien, um die Qualität kenntlich zu machen. Dieser Aufgabe stellt sich das Festivalteam um Leiter Lars Henrik Gass. Und im letzten Jahr kamen 18 000 Besucher, die diese Arbeit quittierten.

Oberhausen sollte nicht nur als Startrampe für Talente gesehen werden, die irgendwann den Langfilm in Hollywood drehen und ausgesorgt haben. Das Filmgeschäft ist breiter und offener geworden. Von Spike Jonze, der seit den 90er Jahren kurze Filme nach Oberhausen schickt, ist dieses Jahr ein Musikvideo über die britische Band Arcade Fire („After Life“) im MuVi-Wettbewerb zu sehen. Im Kino läuft gerade Jonzes Film „Her“, in dem Joaquin Phoenix mit einer Computerstimme anbändelt. Solche medialen und emotionalen Gratwanderungen sind für Filme im Festival nichts Ungewöhnliches. Dass Regisseure wie Spike Jonze („Adaption“) ihre Innovationen mit Hilfe verschiedener Filmformen visualisieren, belegt das künstlerische Potenzial, das der Film auch in einer kommerzialisierten Bildwelt noch hat. Oberhausen ist ein Freiraum dafür. Dazu kommt, dass in Oberhausen kein Format-TV herrscht oder mit politisch-korrekten Auswahlkriterien zensiert wird.

Die fünf Wettbewerbe sind mit ihren 135 Filmen das Spannendste auf dem Festival, auf dem insgesamt 450 kurze Filme zu sehen sind. Im Internationalen Wettbewerb um den Großen Preis der Stadt (8000 Euro) werden allein schon 61 Beiträge aus 35 Ländern präsentiert. Viel beschrieben wurde bereits der politische Schwerpunkt. Der Japaner Atushi Funahashi setzte zur Fukushima-Katastrophe die Folgen ins Bild („Radioactive“, 35 Min.). Pooya Razi hinterfragt Gesellschaftsnormen im Iran („The Noise“, 17 Min.). Aber sehenswert sind auch Selbstbefragungen wie „Hiding in the Light“ (Österreich, 14 Min.) von Katrina Daschner. Als Mitglied des Club Burlesque Brutal in Wien rückt sie zwei Damen mit Zylinder und Goldcape ins Licht. Bühnenposen und -versatzstücke reduzieren die Show auf wichtige Effekte. Erotik zählt dazu wie Kostüme, Glitzer und die Körpermaskerade, die diese Unterhaltungsform ausmacht. Die Bildcollage „Murmurations“ (6 Min.) von Rebecca Meyers (USA) aus Pennsylvania fordert Assoziationen zu Schneetreiben, Baumkronen, Vögel, Makrobilder von Tieren und Blicke aus Fenstern – Katzenschnurren. Ein Thema hat dagegen John Skoog (Schweden): die schwäbische Fasnet. Dämonisch rasseln die Maskenfiguren von Bad Buchau im Film „Federsee“ (8 Min.), die mit Fackeln durch den Schnee stapfen, um am Wasser einer gruseligen Geschichte zu huldigen. Herrlich authentisch ist „Mat Troi Den“ (13 Min.). Mit einer Kamerafahrt porträtiert Truong Quê Chi (Vietnam) eine Mehrgenerationen-Wohnung in Saigon und ein junges Paar – ein intensiver Stadt- und Lebensausschnitt. Zauberhaft sind die gezeichneten Filme im Wettbewerb wie „The Country of Summer Insects“ (16 Min.) von Tang Bohua (China). Fantastisch!

Lichtburg Tel. 0208/824290

www.kurzfilmtage.de

Quelle: wa.de

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