Oberhausen bietet Bollywood auf der Bühne: „Gottes kleiner Krieger“

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Noch ist er Christ, aber gleich wird Zia vom Guru bekehrt: Szene aus dem Bollywood-Musical „Gottes kleiner Krieger“ in Oberhausen mit Ben Daniel Jöhnk und dem Bewegungschor.

Von Ralf Stiftel OBERHAUSEN - Wenn der schnauzbärtige Dilip Kumar singt, lässt sogar Tante Zubeida, die am liebsten nur unter der Burka vor die Tür ginge, alle Hemmungen fallen. Dann füllt sich die Bühne mit Tänzern. Zum süßlichen Song bewegen die Schauspieler nur den Mund, es singen Mitglieder der Band. Live-Playback-Show in Oberhausen.

Kann man überhaupt im Stadttheater so etwas inszenieren wie Bollywood? Diesen Sinnesrausch aus bunter Seide, exotischer Disco, dick aufgetragenen Gefühlen und Action? Das Theater Freiburg traut sich was – und das Haus in Oberhausen beteiligt sich und zeigt die opulente Produktion „Gottes kleiner Krieger“ nach dem Erfolgsroman von Kiran Nagarkar an sechs Abenden. Und es sieht erstaunlich authentisch aus, fühlt sich verblüffend gut an, wenn die badischen Bühnenprofis, verstärkt um bestens gecoachte Laiendarsteller, über die Bühne wirbeln. Ganz großes Kino, wie es die Leinwand nicht bieten kann.

Die Wahl der Vorlage ist nicht unproblematisch. Nagarkar erzählt von Zia, der nacheinander als Muslim, als Christ und als Buddhist zum Extremisten wird. Wenn es darum geht, dass Zia als Mudschaheddin in Kaschmir ein Dorf samt Frauen und Kindern auslöscht oder als christlicher Fundamentalist mit Mobbingmethoden gegen eine Abtreibungsklinik in den USA vorgeht, fragt man sich schon, ob das Spektakel dafür die angemessene Spielform ist. Allerdings verhandelt auch das indische Kino in seinen zuckerbunten, kitschnahen Streifen durchaus ernsthafte gesellschaftliche Themen. Die Regisseure Jarg Pataki und Viola Hasselberg suchten auch den Kontakt zu Nagarkar.

Manchmal passt das richtig gut, zum Beispiel wenn Zia in Cambridge die Liebe von Vivian gewinnt, sie zum Islam bekehrt und von den Drogen wegbringt. Da stimmen sie ein musicalesques Duett an (auch das Playback). Dann kommt ein harter Schnitt. Und Zia geht mit der Pistole zur Lesung von Salman Rushdie, den er ermorden will. Und wenn Zias Vater Zafar Khan seine Lebensbilanz zieht: „Es ist kein Verbrechen, fröhlich zu sein!“, was könnte diese Botschaft besser transportieren als die überschäumende Tanznummer?

Zia gibt es dreimal. Er wird vom Kinderdarsteller Laurence Fischer, vom Schauspeiler Ben Daniel Jöhnk und vom Tänzer Subhash Viman Gorania verkörpert (der auch als Choreograf mitwirkt). Das erlaubt einige hübsche Überblendungseffekte und schnelle Szenenwechsel. Und es kaschiert das Problem, dass viele Passagen nicht gespielt, sondern eher erzählt werden, was allerdings belebt wird durch musikalische Einwürfe. Nach einer Weile nimmt die Produktion aber auch szenisch Fahrt auf. Langweilig aber wird es nicht, obwohl der Abend fast vier Stunden dauert, bollywoodreif.

Kein Stadttheater kann den materiellen Aufwand einer Kino-Produktion betreiben. Aber dieses Bühnen-Bollywood verfügt doch an den entscheidenden Stellen über grandiose Akteure. Das beginnt bei dem Septett, das das Geschehen live von der Seite begleitet. Ravi Srinivasan trommelt, singt, trompetet, spielt Akkordeon und weitere Instrumente, entzückt mit süßem Schlagerschmelz ebenso wie mit hochvirtuoser indischer Unisono-Kunst von Percussion und Gesang: „Daggadaggadag“. Hinzu kommen weitere virtuose Multiinstrumentalisten – brillant zum Beispiel, wie Ralf Tonding an Saxophon und Flöte die Stile von Musical, Ethno bis Freejazz bedient. Und Opernsängerin Lini Gong ist auch kein Ton zwischen E und U fremd.

Mitreißend sind auch die Ensembleszenen, die personenreichen Choreografien. Zwischen diesen starken Reizmomenten haben es die deutschen Schauspieler zuweilen schwer, sich zu behaupten, zumal sie viel Text haben. Aber die engagierten Darsteller schlagen sich wacker, neben Jöhnk wirkt besonders André Benndorff eindringlich, der als Amanat zwischen der Liebe zu seinem Bruder Zia und dem Horror vor seinen Taten schwankt.

Bollywood am Theater – doch, das geht. Man sollte sich beeilen. Diese außergewöhnliche Produktion ist nur noch vier Mal zu sehen.

Gottes kleiner Krieger

am Theater Oberhausen.

21.2., 14., 15., 16.3.,

Tel. 0208/ 8578 184

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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