NRW-Forum in Düsseldorf zeigt „State of The Art Photography“ – Fotokünstler der Zukunft

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Aura und Ewigkeit strahlt Andreas Mühes Fotografie „Mooslahnerkopf“ aus, zu sehen in Düsseldorf. ▪

Von Achim Lettmann ▪ DÜSSELDORF–Eine Prognose riskiert die Ausstellung „State of The Art Photography“ in Düsseldorf. Wer wird die fotografische Kunst bestimmen, und was, lauten die Kernfragen der Schau im NRW-Forum für Kultur und Wirtschaft. Wie sehen die ästhetischen Lösungen zwischen traditioneller Analogfotografie und neuer Digitaltechnik aus? Für junge Fotokünstler ist es eine Grundsatzfrage und eine existenzielle dazu. Gibt es substanzielle Felder, die sich noch mit Platten- oder Spiegelreflexkameras erkunden lassen, oder müssten tausende von Euros gleich in die neueste Pixel–Fotografie gesteckt werden, die sich alsbald wieder weiterentwickelt?

Die Ausstellung zeigt 41 Positionen, die sich konzeptuell klar unterscheiden lassen. Es geht also nicht um die künftigen Stars, die Thomas Ruff oder Cindy Sherman beerben. Es gibt keine Hitparade im NRW-Forum. Es gibt vielmehr ein Spektrum von Fotokünstlern, die wiederum von Sammlern, Fotografieprofessoren und vor allem von arrivierten Fotokünstlern vorgeschlagen wurden. F.C. Gundlach, Thomas Weski und Andreas Gursky seien hier stellvertretend genannt.

Vielleicht überrascht die Auswahl damit, dass mehr traditionelle Themen wie Landschaft und Porträt wieder aktuell sind. Allerdings mit neuen Akzenten, wie zum Beispiel die Landschaftsfotografie von Andreas Mühe, der in Berlin arbeitet. Der 32-Jährige, in Karl-Marx-Stadt geboren, setzt auf die Ambivalenz des Fotos. Das heißt, er nutzt einerseits die klassische Schönheit der Bergfotografie. Mühe stimmt so eine Aura der Ewigkeit an, wie in dem Foto „Mooslahnerkopf“ aus der Serie „Obersalzberg“ (2010). Andererseits inszeniert der Fotograf in diese Vollkommenheit Nazi-Soldaten, die in die Landschaft pinkeln. Dabei beschmutzen sie weit mehr als nur das Alpenidyll. Die Serie heißt „Pissing Nazis/Obersalzberg“ (2010/11).

Die Autodidaktin Alex Prager findet einen anderen Dreh zum klassischen Genre. Ihre Porträts führen tiefe emotionale Momente und erotische Standards zusammen. In der Serie „Week-End“ (2009) erscheinen Frauen mit starrem Blick und quietsch-bunter Aufmachung. Die puppige Künstlichkeit in den Fotografien spielt mit Klischees des Weiblichen. Dagegen unterläuft gerade Pina Yolacan (Türkei) die Parameter des typisch westlichen Frauenporträts. Sie fotografiert vor allem Frauen, die bislang nicht porträtiert wurden, weil sie ästhetischen und modischen Standards nicht genügen. Yolacan arbeitet in New York und zeigt voluminöse Frauen in der Serie „Like a Stone“, 2011.

Die Bulgarin Pepa Hristova lässt einen staunen, weil sie mit ihren Fotos Kulturgeschichte transportiert. Seit Jahrhunderten gibt es im Norden Albaniens Frauen, die ihre Sexualität verleugnen und als Männer leben. Zum einen sichern sie die Familienehre, weil keine Söhne geboren wurden, und zum anderen profitieren sie von der Freiheit und Anerkennung, die einem Mann in diesem Kulturkreis zusteht („Sworn virgins“, Albanien (2008/10). Hristova porträtiert immer wieder Menschen, die ihre Identität fern westlicher Werte gefunden haben.

Olaf Otto Becker, 1959 in Lübeck geboren, macht mit seinen Fotos die Spuren der Überbevölkerung deutlich. Auffällig ist dabei, dass er keine Umweltpolitik bebildert, sondern beispielsweise die Schönheit schmelzender Gletscher konstruiert. Kühl und erhaben wirkt das, und ein wenig komisch, wenn Menschen auf der unwirklichen Fläche aus Eis und Schnee platziert sind.

Im Bereich „Social Photography“ setzt Jeremy Kost den Akzent aufs Fotomedium. Der 35-Jährige lebt in New York und zählt zu den Pionieren der Polaroid-Fotografie. Er dokumentiert die Subkultur der verkleideten Stricher, Freaks und Transsexuellen. Dabei choreografiert er in seinen Collagen Fantasien aus dieser abseitigen Szene.

Die Ausstellung zeigt außerdem neue „Street-Photography“ von Wassink Lundgren („Tokyo, Tokyo, Tsukiji“, 2010), Videoperformance von Elina Brotherus („Artists at Work“, 2009), Bildfolien von Peter Ainsworth („Zone Of Transit 2009–11“) und Installationen.

Die Schau

Ein Überblick, der die konzeptuelle Vielfalt aktueller Fotokunst in 41 Positionen ausbreitet.

State of The Art Photography im NRW-Forum Düsseldorf. Bis 6. Mai, di-so 11 bis 20 Uhr, fr bis 24 Uhr; Katalogbuch 35 Euro; Tel. 0211/

89 266 81; http://www.nrw-forum.de

Quelle: wa.de

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