Nixenlieder von Anna Prohaska im Konzerthaus Dortmund

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Sang von Nymphen und Nixen im Konzerthaus Dortmund: Die „Junge Wilde“ Anna Prohaska ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–All die jungen Feen und verlockenden Nixen sind ein schönes Programm für eine junge Sopranistin. Die knapp 30-jährige Anna Prohaska hat ihr Album „Sirène“ mit Liedern über Fischwesen und Wasserfrauen vor fast fünf Jahren herausgebracht, danach kam bis auf ein Weihnachtsalbum erst einmal nichts mehr. Erst im März erscheint ein neues Recital. Die junge Frau bedient zwar mit ansprechenden Programmen und Fotos die Marketingmaschinen, achtet aber offenbar darauf, nicht zu sehr verheizt zu werden. Das Programm von „Sirène“ stellte sie als „Junge Wilde“ im Konzerthaus Dortmund vor.

Zu hören war eine junge, bestens geschulte Stimme, deren Gestaltungsmöglichkeiten optimal präsentiert wurden. Prohaskas „Nixe Binsefuß“ (Hugo Wolf) ist ein vergängliches Wesen mit einem durchaus hexenhaften Humor. Die Meerjungfrau in Haydns „Mermaid‘s Song“ lockt und flötet, in den letzten Ruf „Follow me“ legt Prohaska eine leise Drohung. Ihre Stimme besitzt ein silbriges Timbre, der Kern aber lässt sich verdunkeln, ein Effekt, den Prohaska zu nutzen weiß.

Ihre „Nixe Binsefuß“ scherzt mit quecksilbrigem Temperament, doch in das Silber mischt sich Düsterkeit. In den letzten zwei Zeilen des Mörike-Textes werden Scherze als Nachtspuk enttarnt. Wolf verschiebt die Stimmung des Liedes ins Geisterhafte, Prohaska deutet in ein paar Tönen tiefere Gefühle an. Ihr Klavierbegleiter Eric Schneider passt sich den wechselnden Stimmungen präzise an, bettet die kristallenen funkelnden Höhenflüge Prohaskas in Samt und begleitet sie auf ihren Ausflügen ins Dunkle mit sensibler Tongebung.

Prohaska findet schlüssige Interpretationen und unerwartete Schattierungen. Schuberts „Fischers Liebeslied“ beginnt sie, wie viele ihrer Lieder, als schlichte romantische Erzählung. Daraus entsteht Miniatur für Miniatur eine Folge zarter Stimmungen. Der Fischer lockt seine Liebste in sein Boot, scherzt und lacht mit ihr, seine Verliebtheit erfüllt jede Silbe. Daraus entwickelt Schubert eine Jenseits-Phantasie und Prohaska ein dunkles Schweben, mit einem unirdischen Mezzopiano endend.

Auch Schuberts „Am See“ entwickelt sie aus stiller Innigkeit heraus zu einem Aufleuchten des Gefühls, das mit den letzten Silben verebbt und erlischt. „Der Fischer“ nach Goethe bleibt dagegen eine Nacherzählung.

Prohaska, die jung von Daniel Barenboim an die Berliner Staatsoper geholt wurde, ist eine kluge und fähige Gestalterin mit ihrer kontrollierten, fast vibratolos geführten Stimme. Sie legt Wert auf Texte, die sie offenbar aufmerksam studiert hat. Selbst die polnisch gesungenen Sirenenlieder von Karol Szymanowsky singt sie silbendeutlich, dabei erfüllt sie sie mit kühler Erotik. Wenn man etwas vermisst, dann vielleicht eine letzte Auslotung der Lieder, ein Wagnis, auch auf die Gefahr hin, Kontrolle aufzugeben. Mahlers Phantasie aus Don Juan erzählt sie schon zu nüchtern.

Dowlands „Sorrow stay“ dagegen singt sie herrlich, erfüllt mit müden, fahlen Farben. Ohne Pause leitet Eric Schneider zu Dvoraks Rusalka-Arie über. Die lässt Prohaska frei fließen, und hat danach noch die Kraft für zwei Zugaben: Mendelssohns „Schilflied“ und Schuberts Rosamunden-Romanze, gesungen mit der gleichen bewundernswerten Kontrolle.

Quelle: wa.de

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