Neun Museen zeigen facettenreich die „RuhrKunstSzene“

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So zeigt Claudia Buch das „Glück“ (Wachs, 2012) in den Flottmann-Hallen.

Von Ralf Stiftel HERNE/BOCHUM - Das „Glück“ schaut als Schweinerüssel so porentief genau abgebildet aus der Wand der Flottmannhallen in Herne, dass man das Borstenvieh zu hören glaubt. Claudia Buch formte die Schnauze aus Wachs – und lässt den Betrachter rätseln. Muss man ein dummes Schwein sein, um der Gnade teilhaftig zu werden? Ist Glück Täuschung? So vereinen sich schöne Form und Provokation zu feiner Kunst.

Die Arbeit der Oberhausenerin gehört zum Ausstellungsprojekt „RuhrKunstSzene“, das parallel in zehn Museen des Ruhrgebiets läuft. Es bringt bestens die Stärken der Ruhrkunstmuseen zur Geltung. Dieser Zusammenschluss von 20 Museen zwischen Duisburg und Hamm ist ein Erbe der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Noch immer kooperieren die Häuser, organisieren – auch beim aktuellen Projekt – Touren, damit Stammkunden des einen Hauses auch andere kennen lernen. Und sie entwickeln Dinge, die ein Haus allein nicht hätte stemmen können.

Bei der RuhrKunstSzene zeigen neun Museen an zehn Orten Arbeiten von 50 Künstlern aus dem Ruhrgebiet, ein Querschnitt durch die Kunst der Region. Dabei setzt jedes Haus mit einer eigenständig konzipierten Schau besondere Akzente. Aber als Ganzes ergibt die Schau keine repräsentative, aber bunte und anregende Übersicht über das aktuelle Geschehen. In Herne zum Beispiel sind in den Flottmannhallen und im Emschertal-Museum Positionen der Skulptur zu sehen. Die detailgenauen Abgüsse realer Objekte, die Claudia Buch von einem Kohlkopf, einem Galgenstrick, einem Schirm erstellt, wobei sie den Objekten neue Zusammenhänge anpasst, weisen hintergründig über die Einzelobjekte hinaus. Bettina Zachow benutzt Haare, oft ihre eigenen, um überaus fragile und leichte Dinge zu schaffen. Einen gewobenen „Harnisch“ etwa oder „Leibbinden“. Die Essenerin nutzt dabei die stofflichen Qualitäten ihres so feinen Ausgangsmaterials. Mit was sonst könnte man so hauchige „Wolken“ in den Raum stellen? Andererseits bleiben die Haare Stoff vom Menschen, was beim Betrachter immer auch Gefühle auslöst. Die Künstlerin gibt etwas von sich her, um eine Skulptur zu formen. Das mag noch so kalkuliert sein, es berührt doch. Den beiden jungen Künstlerinnen sind in Herne zwei etablierte Bildhauer entgegengesetzt, die strengen Stahl- und Zementkonstruktionen von Friedrich Gräsel (1927-2013) und die minimalistischen Arbeiten, in denen Diethelm Koch (1943-2008) oft verschiedene Materialien wie die Scheibe eines Baumstamms und einen Stahlbogen kombiniert.

Die Kunsthalle Recklinghausen setzt auf Malerei, ganz in der Tradition der Künstlergruppe junger westen, die nach dem Krieg die Avantgarde der Abstraktion bündelte. Hier sieht man zum Beispiel, wie unterschiedlich monochrome Malerei ausfallen kann. Kuno Gonschior (1935-2010) bedeckt die Leinwand mit gelben Schuppen, die das Bild zum Relief machen – die Farbe scheint den Betrachter aus der Fläche anzuspringen.Hartwig Kompa gibt dem Oliv, dem Gelb, dem Rot manchmal Schattierungen, manchmal sieht man Pinselstriche. Aber die Farbe kommt körperlos daher. Man kann hier sehen, wie Rudolf Vombek (1930-2008) versuchte, Josef Albers weiterzudenken, und wie er zu Bildern kam, die wie Op-Art vibrieren. Und Frank Piasta kehrt die Verhältnisse um, macht die Farbe als fette, schwere Silikonmasse zum Bildträger von Glasscheiben, die als reflektierende Flächen frei im Raum stehen.

Das Kunstmuseum Gelsenkirchen zeigt vier Fotografen. Anton Stankowski (1906-1998) steht dabei für ein Stück Fotografiegeschichte. Von den 1920er Jahren an experimentiert er mit Fotoabstraktionen. Die weißen Leinentücher auf der Wäscheleine vor Fabrikschloten im Revier (1927) sehen aus wie eine geometrische Rhythmusübung und Stromdrähte auf Masten (1928) zeigt er als irritierendes Linienspiel. Daran scheint der Hammer Fotograf Hans Blossey mit seinen brillanten Farb-Luftaufnahmen anzuknüpfen, wenn er die Zeilen des Spargelfelds als Spiel der Vertikalen zeigt, gestört durch Ausbuchtungen, die man erst im Nahblick erkennt als den Arbeiter, der die Folie zum Ernten angehoben hat. Und der Blick aufs sommerliche besetzte Freibad wird buchstäblich zur „Welle“. Dazwischen steht die Arbeit Peter Buchwalds, der mit Langaufnahmen nächtliche Lichtquellen vibrierende Linien ziehen lässt. Und Denise Winters Installationen, die zum Beispiel den Betrachter in einem Raum zum Teil vieler Diaprojektionen werden lässt.

Das Kunstmuseum Bochum knüpft an die Tradition seiner großen Themenausstellungen zum Islam und zu Zen an. Das Haus zeigt drei markante Positionen von Künstlerinnen mit Migrationshintergrund. Die Koreanerin Young-Jae Lee arbeitet in Essen. Ihre Schalen und Teller hat sie auf dem Boden zu einer imaginären Tafel arrangiert, eine Installation von meditativer Kraft. Hiroko Inoue hat Landschaftsfotos aus Japan und aus dem Ruhrgebiet mit Übermalungen verfremdet, die Bilder der Japanerin reflektieren die Schönheit ebenso wie die Verletzlichkeit der Natur. Die litauische Malerin Evelina Velkaite zeigt stark abstrahierte Bilder, die sie ausgehend von Fotos geschaffen hat. Die sehr lichten Tafeln mit reduzierten Formen werden zuweilen durch eincollagierte Schrift- oder Fotofetzen ergänzt.

Spannend auch die Schau „Der subversive Geist“ im Kunstmuseum Mülheim. Da sind frühe Filme zu sehen, die Christoph Schlingensief (1960-2010) für das legendäre WDR-Magazin ZAK drehte, Realsatiren mit Titeln wie „Die Außerirdischen – Nazis vom Mars“ (1992). Hinzu kommen Bilder des ebenso querdenkerischen Malers Martin Kippenberger (1953-1997). Der Künstler Johannes Gramm kandidierte 2013 bei der Bundestagswahl, auf seinen Plakaten posiert er mal als bärtige, barbusige Dame, mal mit Armstumpf und großflächigen Tattoos unter dem Slogan „Einer von Euch für Euch“.

Kunstmuseum Bochum: Neue Heimat Ruhrgebiet. Bis 9.11., di – so 10 – 18, mi bis 20 Uhr, Tel. 0234/ 910 42 30,

Kunstmuseum Gelsenkirchen: Fotoaugen. Bis 9.11., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0209/ 169 4361

Emschertal-Museum und Flottmann-Hallen Herne: Raumstücke. Bis 19.10., di – fr 10 – 13 u. 14 – 17, sa 14 – 17, so 11 - 17 Uhr, Tel. 0 23 23 / 16 26 59, Halle di – so 14 – 18 Uhr,

Kunsthalle Recklinghausen: 2014 Positionen.

Bis 9.11., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02361/ 50 1935

Kunstmuseum Mülheim: Der subversive Geist. Bis 16.11., di – so 11 – 18 Uhr

Weitere Ausstellungen laufen

im Museum Glaskasten Marl,

im Märkischen Museum Witten, im Museum DKM Duisburg,

in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen.

www.ruhrkunstmuseen.com

Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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